MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Kirgistan – Unter Nomaden?

Am 20. Mai lassen wir bei Uchgorhan mit einem leicht mulmigen Gefühl im Bauch die Grenze zwischen Usbekistan und Kirgistan hinter uns.

Die Nacht zuvor kam es in Osh, einige Kilometer weiter südlich wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Separatisten und Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Das Resultat waren zahlreiche Tote und Verletzte.

Das Land befindet sich noch immer im Umbruch.  Zwar hat es seine Unabhängigkeit vom großen russischen Bruder Anfang der 90er Jahre als erster mittelasiatischer Staat erklärt, eine demokratisch strukturierte Verwaltung fehlt jedoch bis dato.

Ganz grob gesagt scheint jeder neu gewählte Präsident im Laufe seiner Amtszeit dazu überzugehen, seine Familienmitglieder mit wichtigen politischen Ämtern zu bedenken, damit der eigene „Stamm“ sich bereichern kann. Andere wiederum erkaufen sich Stellungen, die es ihnen ermöglichen gewinnbringend wieder Anderen Vorteile zu verschaffen, usw. usw.. Korruption steht auf der Tagesordnung.

Die Bevölkerung scheint darüber hinaus nicht allein durch die Ausläufer des Tien Shan Gebirges gespalten, der dem Norden durch günstigere Klimabedingungen mehr Reichtum beschert, man unterliegt auch kulturell verschiedenen Einflüssen. Im konservativen Süden, entlang der Grenze zu Tadschikistan hängen die Menschen dem Islam an, der Norden hingegen ist eher geprägt von kommunistisch-russischen Einflüssen.

Glücklicherweise hält man uns an der Grenze nicht lange auf und der Versuch (mit Dolmetscherin am Telefon) jedem von uns 10 Dollar abzuluchsen, wird mit der Frage nach einem Rabatt für die Kinder und einer entsprechenden Quittung von Wolfgang vereitelt.

Wunderlicherweise offenbahrt sich auch diesmal, wie jedes Mal, wenn ein neues Hoheitsgebiet beginnt, ein anderes Bild.

Überall rinnen schmale Bächlein, es ist saftig grün, ein Bergmassiv erstrahlt wie ein stiller Wächter im Abendrot. Frau ist selbstbewusst in europäischer Manier gekleidet und Mann trägt Filzhut.

Die erste Nacht verbringt unsere kleine, deutsche Reisegruppe an einem Stausee mit eiskaltem, glasklarem Gebirgswasser, wo nur unzählige Glasscherben die Vorfreude auf die „Mittelasiatische Schweiz“ etwas hemmen.

Ziegelbrenner

Der kommende Fahrtag entschädigt uns. Die Landschaft ist atemberaubend!

Die Straße führt durch die Berge und die Flora links und rechts von uns wirkt manchmal fast unberührt und wild. Immer wieder hindern uns Tierherden am Weiterfahren. Pferde, Ziegen, Schafe und Kühe, alles kann sich Gaia heute aus der Nähe betrachten und kommt aus dem Mähen und Muhen gar nicht mehr heraus. Anscheinend ist momentan „Almauftrieb“ und die „Nomaden“ treiben ihre Viehherden auf die Sommerweiden, hoch im Gebirge.

Hirtenjunge

Wunderliche Natur

Der erste Kontakt zu „Eingeborenen“

1965

Die Route verläuft entlang des Kara-Suu, vorbei an etlichen Staudämmen und -seen, bis zum Togtogul-Stausee. Unterwegs kann man am Straßenrand die feinsten Dinge erstehen und muss einiges Verhandlungstalent aufwenden, um Polizeischranken passieren zu dürfen, ohne „Dollar Dollar“ zu lassen.

Frischfisch

1976

Honigverkäufer

2012

Auf der Fahrt hinauf zum Ala-Bel Pass (3184m) wird`s uns richtig warm ums Herz. Was für ein Panorama. Vor uns liegen grünste Auen, durch die sich das lebensspendende Wasser seinen Weg bahnt. An den Berghängen sieht man letzte Schneereste, die Zeugen eines harten, langen Winters. Wie Pilze schießen überall weiße Jurten aus dem Boden, deren Schlöte rauchen und um die herum reges Treiben herrscht. Was für ein Traum von Freiheit!

Passüberquerung

Schnee im Sommer

Unter Nomaden?

Frauen verkaufen an selbst gezimmerten Ständen das Nationalgetränk, vergorene Stutenmilch, deren Geschmack für den deutschen Gaumen etwas gewöhnungsbedürftig ist. Leicht sauer und rauchig – aber angeblich seeeeeehr gesund!

Ein wenig Landluft gönnen wir uns noch, bevor es wieder gilt Großstadtsmog zu atmen.

Dank der relativ überschaubaren, rechtwinkligen Stadtplanung Bishkeks, fällt es uns nicht schwer zur kasachischen Botschaft zu finden und gleich gegenüber gibt es eine nette Parkanlage, wo wir uns erst einmal ungestört niederlassen können.

(Rückblick: Aufgrund eines Computerproblems konnten unsere Visaanträge für Kasachstan in Tashkent noch nicht bearbeitet werden.)

Die Kasachen benötigen 3 Werktage, um unsere Anträge zu bearbeiten, was uns die Gelegenheit gibt, die unspektakuläre Stadt zu besichtigen und uns traditionelle Handarbeiten anzusehen.

Die Soldaten im Glaskasten versprechen etwas anderes, als das Symbol auf der Flagge, das das Dach einer Jurte darstellt.

Mundharmonikastunde auf Kirgisisch

„concrete jungle“

Über`s Wochenende beschließen wir uns von der Gruppe abzusetzen und mal wieder unser „eigenes Ding“ zu machen. Wenn man ständig so engen Kontakt hat, braucht man zwischendurch schon mal `ne Pause, um wieder auf andere Gedanken zu kommen und einfach zu tun was man will, ohne große Diskussionen.

Das höchst gelegene Erholungsgebiet der Welt, der Ala-Archa-Canyon ist ein wahrlich geeigneter Ort dafür. Ein Platz am rauschenden Schmelzwasserfluss, Streifzüge durch die Umgebung und Allerhand zum Beobachten und Entdecken.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ein Wunschbaum

Am 1. Juni haben wir das kasachische Visum in der Tasche und für die Schwarzmeiers geht’s weiter Richtung Naryn.

Die Gegend um die Hauptstadt erinnert uns zuerst an Usbekistan, mit den kleinen, mit geometrischen Mustern verzierten Häusern, den offensichtlich muslimischen Bewohnern und den blauen Trinkwasserpumpen entlang der Strecke. So freizügig und weltoffen wie im Zentrum gibt man sich hier auf dem Land nicht.

Wir fahren bis nach Kök-Moynok Bir und biegen dann Richtung Kochkor ab.

Vorbei an einigen Imkern, deren Bienenvölker auf russischen Kamaz-Lastern zuhause sind, Jurten, Wohnwägen, Pferde- und Büffelherden, nähern wir uns dem Dolon Pass und damit auch dem Wiedersehen mit Thomas und Sabine.

Yakherde

Treffen mit Sabine und Thomas

Für Tobi

Am Morgen des 5.Juni bekommen wir zuerst frischen Ayran (Trinkjoghurt) von einem Reiter mit seinen drei Kindern direkt ans Haus geliefert und anschließend klopft ein neugieriger, alter Kirgise mit Spitzhacke an unsere Türe und erkundigt sich nach dem Befinden. Abgesehen von Wolfgangs Niesattacken wegen des Hauptfortbewegungsmittels Pferd, geht es uns prima und Abenteuerstimmung liegt in der Luft.

In Naryn angekommen, kaufen wir am Basar Obst und Gemüse ein und ich sehe mir mit Gaia im Museum für Moderne Kunst die Gemälde einheimischer Künstler und eine Riesenjurte samt Inneneinrichtung an.

Ein deutscher Wahlbeobachter stellt sich uns auf dem Weg ins Ardaktuu Tal vor und endlich werde ich eine Frage los, die mir schon seit Tagen unter den Nägeln brennt.

„Befinden wir uns denn nun tatsächlich schon unter Nomaden?“

Ich werde enttäuscht. Die ehemalige Besatzungsmacht hatte die einstmals umherziehenden Sippen zur Sesshaftigkeit gezwungen. Das, was heute noch an alten Traditionen übrig geblieben ist, sind einige animistische Glaubensvorstellungen, in denen man der Natur und ihrer Bewohner Zauberkräfte zuschreibt.

Was dem Vorüberziehenden wie Nomadentum erscheinen mag, die braun gebrannten, geschäftigen Menschen neben ihren Jurten und hoch zu Ross, entlang der Straße, sieht man nur noch zur Saison. Zwar soll fast jeder Kirgise noch ein mit Filzlagen ummanteltes Weidenflechtwerk besitzen, um Familienfeste darin zu feiern, aber eben nicht als flexiblen HAUPTWOHNSITZ.

Friedhof

Über die momentane politische Situation kann er uns von einem Vorfall berichten, der sich einen Tag vorher in Naryn zugetragen hat. Ca. 100 Jugendliche stürmten das Rathaus und zwangen den Bürgermeister eine Rücktrittserklärung zu unterschreiben. Mit ein paar Litern Wodka (der hier umgerechnet nur ab 1,50 Euro die Flasche kostet) soll man den ein oder anderen schnell davon überzeugen können, sich an Unruhen zu beteiligen.

Womit ich auch schon beim nächsten Thema angelangt bin.

Der Alkoholkonsum, vor allem der männlichen Bevölkerung ist erschreckend. Zu oft begegnen wir Sturzbetrunkenen, manchmal im Straßengraben liegend, oder welchen, die um Alkohol, oder Geld für solchen betteln. Die leeren Flaschen und Glasscherben überall zeugen von unzähligen Saufgelagen. Beim Familienpicknick im Grünen scheint man kein großes Interesse daran zu haben ein Vorbild für die Kinder zu sein.

Wir versuchen von Naryn aus zum Ysyk-Köl eine unbefestigte Straße zu fahren.

Die Einheimischen meinen für die Kurzhauber sei dies kein Problem..

Bereits bei der zweiten Flussüberquerung müssen Thomas und Wolfgang allerdings aussteigen und inspizieren den Zustand der Holzbrücke.

Man(n) überlegt hin und her und plaudert mit dem Brückenwart, der eigentlich nur daran interessiert ist, wieviel er von den „Nemezkis“ verlangen kann. Die Entscheidung fällt zu Gunsten eines Versuchs. Es klappt. Auf unbefestigter Straße passieren wir Wasserfälle, die sich ihren Weg durchs Gestein bahnen, pferchen uns durch liegengebliebene Schneedecken, immer den steilen Abhang im Auge.

Die vierte Brücke zwingt uns einige Kilometer weiter zum Umkehren. Morsche Balken und riesige Löcher, durch die man den reißenden Fluss sehen kann, sprechen eine klare Sprache.

Die Umkehr bedeutet einen Umweg von ungefähr 200 Kilometern auf miserablen Straßen, bis wir dann endlich den Ysyk-Köl, den „Warmen See“, auf dessen Grund heiße Quellen sprudeln sollen, erreichen.

An den Kieselstränden des zweithöchsten Gebirgssee der Welt, der an der tiefsten Stelle ungefähr 700 Meter misst, treffen wir auf Johannes und Anne aus der Leipziger Gegend, die uns doch beinahe einen Kratzer im Lack bescheren.

Der Luft- und Raumfahrttechnikstudent und die Biologin düsen in drei Monaten über die Ukraine, Russland, Kasachstan und unsere Route rückwärts wieder nach Deutschland.

Beim Blick auf schneebedeckte Berggipfel und beim Plantschen im klaren Wasser bei Sonnenschein vergisst man beinahe, dass es hier Ende der 90er Jahre zu einem tragischen Zwischenfall gekommen ist. Ein mit Zyanid beladener Laster, der auf dem Weg zur Goldmine an der Südküste war, rutschte von der Straße ab und determinierte den See mit seiner Ladung so stark, dass in der Folge 300 Menschen starben. Außerdem soll das russische Militär zahlreiche Unterwasserwaffen hier getestet haben.

Vor einiger Zeit wurden bestimmte Abschnitte der Uferzone zum Naturschutzgebiet erklärt, um dem durch Tourismus entfachten Bauboom entgegenzuwirken und somit bedrohte Tiere und deren Lebensräume zu schützen.

Wir kommen endlich mal wieder zum Entspannen, erleben aber auch die ein oder andere Pleite. Wolfgang macht Bekanntschaft mit einer kirgisischen Reiterpeitsche und Morpheus setzt sich auf dieser Reise das erste Mal in den Sand. Dank tatkräftiger Unterstützung von Thomas und Sabine ist der Koloss aber bald befreit und ein blütenweißer Sandstrand liegt in Sichtweite.

Da schlagen Babyherzen höher. Den lieben langen Tag buddeln und auf Streifzüge gehen. Mich überkommt nach getanem Frühjahrsputz die Lust auf`s Malen.

Auf der Pirsch

Arbeit am Gesamtkunstwerk

Hier stoßen am 13.06 auch wieder Frank und Mathias dazu und bringen Gesellschaft mit. Steffi, eine Schweizer Freundin von Matthias ist für einige Zeit zugestiegen und auf der Fahrt über den Pamirhighway haben die beiden das ausgesetzte Hundebaby „Pamira“ aufgegabelt.

Steffi

„Roxana“ hat sich leider selbstständig gemacht, nachdem sich Frank einen weiteren Untermieter, einen schwarzen Windhund, namens „Abraxas“ zugelegt hat.

Auf dem Weg nach Karakol machen wir noch einen Abstecher zu den „red sandstone cliffs“ bei Jeti-Ögüz, wo wir einem französischem Paar begegnen.

Die beiden bereisten zuletzt Südostasien, und haben wertvolle Informationen bezüglich Thailand, Laos und Malaysia, die wir anschließend an 5500 Kilometer durch China ansteuern wollen.

Praktisches Spielzeug

In Kuturgu schließen sich schließlich die Reihen, als wir den Platz erreichen, an dem die Praschel`s verweilen. Heiße Naturduschen (mit Wanne) und frisch gefangene Lachsforelle stehen auf dem Tagesplan.

Die Zeit wird langsam knapp und wir müssen uns auf den Weg Richtung Grenze bei San-Tash aufmachen. Die Nachrichten der vergangenen Tage verheißen nichts Positives über die Lage im Land. Bis hierher bekamen wir zwar von den Unruhen nichts mit, man merkt jedoch dass die Stimmung zunehmend angespannter wird.

Nur Frank nimmt`s gelassen

Bereits auf der Anfahrt wirken die üblen Straßen fast etwas zu verlassen, wo wir doch zumindest mit einigen Ausreisenden gerechnet hatten. Am Ziel angekommen, erfahren wir dann auch wieso. Diese Grenze sei seit nunmehr 3 Monaten dicht. Und jetzt? Am nächsten Tag laufen die meisten Aufenthaltsgenehmigungen aus. Was tun? Die Diensthabenden auf kasachischer Seite erklären, es bestehe keine Möglichkeit hier durchzukommen, auf Anweisung des Premierministers. Zuwiderhandlungen ihrerseits würden mit Inhaftierung bestraft. Der Versuch die Schranken zu umfahren führe ebenfalls zu einer Gefängnisstrafe. Als auch die Aussicht auf Bestechung keinen Eindruck macht, schreiten wir zur Abstimmung. Sollen wir die Sache aussitzen, mit wenig Aussicht auf Erfolg, oder legen wir die knapp 500 Kilometer zum Hauptgrenzübergang nach Kasachstan bei Bishkek zurück? Die Entscheidung fällt auf Variante 2.

Beratungsrunde

Eine solche Distanz in so kurzer Zeit zurückzulegen, mit unseren Fahrzeugen und Kindern an Bord, bedeutet für alle Beteiligten Zähne zusammenbeißen und durch.

Fast fühlt es sich ein bisschen so an, als sei uns`re kleine Truppe auf einer wichtigen Mission…..

Wir erreichen den Grenzübergang rechtzeitig und der letzte Eindruck von Kirgistan soll ein positiver sein. Nach einigem Suchen stoßen Wolfgang, Mathias und Thomas auf eine kompetente Frau in Uniform, die uns die Schlange vorfahren lässt und die Formalitäten auf dieser Seite innerhalb kürzester Zeit erledigt hat.

Doch damit ist der Abend noch nicht vorüber…

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