MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Russland Teil 2 – Abschied

Am 28.8.2010 passieren wir bei Sükhbaatar erneut die Grenze nach Russland.

Zunächst werden wir freundlicherweise an der Warteschlange vorbei gewinkt und aufs Zollgelände gebeten. Es dauert nicht lange bis zwei neugierige Herren in Uniform bei uns Platz nehmen und Wolfgang um ein Ständchen auf der Posaune bitten, die protzig an der Decke baumelt. Uups, ja da hängt sie, damit sie Wolfgang jeden Tag daran erinnern kann, zu was er auf dieser Reise alles keine Zeit hat…

Lässig versucht er der Blamage zu entgehen, indem er sagt: „Ich bin ein berühmter Künstler und wenn ihr was hören wollt, dann will ich Bares sehen.“

Noch lässiger nimmt der Polizist seinen Hut ab, stellt ihn auf den Tisch und macht Andeutungen ein paar Scheine hinein zu werfen. Hilft nichts, dann muss er eben in den sauren Apfel beißen. Zumindest gelingt es ihm die anschließende Tonleiter einigermaßen sauber zu spielen, doch der hoch gehobene kleine Finger des Publikums zeigt die mäßige Begeisterung. Als der Uniformierte dann auch noch selbst zum Spielen ansetzt und es schafft dem Instrument einige Töne zu entlocken, gibt Wolfgang sich geschlagen und wir werden ins Zollgebäude weiter geschickt.

Auf russischer Seite erleben wir dann eine Premiere. Die Lastwagen müssen durch den X-Ray fahren. Wir beobachten das Spektakel mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite wär`s toll, wenn sich die zeitaufwendige Durchsuchung dadurch erübrigen würde, auf der anderen Seite frage ich mich, auf wie lange Zeit Morpheus jetzt wohl „verstrahlt“ ist.

Die beiden kommenden Tage fahren wir zusammen mit Frank auf dem schnellsten Weg nach Ulan Ude, der inoffiziellen Hauptstadt der Volksgruppe der Buryaten. Im Grenzgebiet zeigt das Militär auf mehreren Kilometern starke Präsenz, weshalb es nicht so ganz einfach ist ein geeignetes Übernachtungsplätzlein zu finden. Es wird waldiger und hügeliger, aber die Ruinen zahlreicher, winziger Wochenenddatschas und die großen grauen Plattenbauten, vor denen die Kinder auf Betonwiesen spielen und überkanditelte, russische Schönheiten auf und ab flanieren, lassen vermuten, dass diese Gegend schon bessere Zeiten gesehen hat.

In Ulan Ude angekommen treffen wir vorübergehend das letzte Mal auf Steffi, die mit Findelkind „Pamira“ in die Schweiz zurückkehrt. Von Familie Praschel hatten wir uns bereits in Ulan Baatar verabschiedet, waren jedoch davon ausgegangen sie hier noch einmal zu treffen. Als wir ankommen, befinden sie sich jedoch bereits auf der Weiterreise Richtung Westen und wir müssen das nächste Zusammentreffen wohl bis auf weiteres verschieben…

Wir entscheiden uns die Sache mit der Registrierung diesmal etwas ernster zu nehmen und in unser erstes Hotel auf dieser Reise einzuchecken. Wer weiß ob man auf der Rückfahrt an diesem Grenzübergang wieder beide Augen zudrückt. Die Damen an der Rezeption sprechen Englisch und zeigen sich kooperativ. Wir bekommen das billigste Zimmer (mit Badewanne und Warmwasser! für 40 Euro) und werden gleich für acht Tage polizeilich angemeldet. Gaia findet das kleine Zimmer im obersten Stock mit Blick über die Stadt eh prima und überschwemmt gleich das Bad, bevor sie nackend über den Teppich tobt. Geschlafen wird dennoch im Eigenheim!

Tags darauf begeben wir uns in Begleitung von Alisa, Franks neuer Untermieterin zuerst zum Reifen wechseln und Auspuff schweißen in die nächstgelegene Werkstatt, bevor wir wieder Strecke machen. Spontan hatte sich die 20 jährige Studentin aus Irkutsk dazu entschlossen ihn einige Tage zu begleiten. Wie schon des Öfteren erfordern die Sprengringfelgen unseres Gefährten vom Kfz-Trupp sehr viel Engagement und Kreativität. Da stellt unser Anliegen ein weniger großes Problem dar. Wolfgang erledigt wie immer Alles selbst und muss eigentlich nur das Schweißgerät ausborgen. So ein Werkstatthinterhof, auf dem jede Menge „Schrott“ liegt und Tiere herum laufen bietet auch Gaia ausreichend Unterhaltung bis die Arbeit getan ist.

Entlang des Flusses Selenga genießen wir endlich wieder den Anblick von saftig grüner, fruchtbarer Landschaft. Herbst in Sibirien hätte ich mir eigentlich etwas anders vorgestellt, etwas kälter und weniger farbenfroh. Hier aber scheint die Sonne bei milden Temperaturen und den Gang zum Supermarkt kann man sich sparen, weil Obst und Gemüse direkt am Straßenrand angeboten werden.

Als der Horizont dann rechterhand der Straße zum Glitzern beginnt, fahren wir bei der erstbesten Gelegenheit nahe dem Städtchen Mysovaya von der Hauptstraße ab. Über einen ziemlich matschigen und holprigen Feldweg erreichen wir am 2. September gegen Abend den Baikalsee. Von dem Platz in erster Reihe auf einem netten Plateau mit Garantie auf traumhafte Aussicht trennt uns nun nur noch eine kleine Flußdurchfahrt. Kaum der Rede wert. Und da passiert`s. 2000 Kilometer mongolische Buckelpiste ohne Blessuren überstanden und so ein russisches Rinnsal zwingt Morpheus in die Knie. Er hängt in Schräglage im Wasser fest und beginnt zu sinken. Aus eigener Kraft kommt unser Dicker aus diesem Schlamassel nicht mehr heraus und wir werden nervös. Einsatz Frank. Wäre doch auch zu schade gewesen, wenn die supertolle Seilwinde nach der Generalüberholung nicht mehr zum Einsatz gekommen wäre. Souverän errettet „Phoibos“, der 1113er seinen Bruder fünf Minuten vor Sonnenuntergang vor dem Ertrinken! Danke!

Der Baikalsee ist mit seinen 1637 Metern der tiefste See weltweit und umfasst 1/5 aller ungefrorenen Trinkwasserreserven. Am Südufer begegnen wir einigen Landstreichern, denen der an das Gewässer angrenzende Wald anscheinend als Unterschlupf dient. Berge von Schnapsflaschen und Konservendosen, sowie etliche Feuerstellen zeugen von der Trinkfestigkeit und Picknickkultur zahlreicher „Naturhungriger“.

Drei Tage lang genehmigen wir uns die Seebrise bei Sonnenschein und Regenwetter, streifen durch den mit Himbeeren und Pilzen gespickten Wald und nehmen ganz langsam Abschied von unserem Reisekumpanen „Frankie“, alias der Salzmann, der sich dagegen entschieden hatte die Route durch China einzuschlagen. Er will einen Haken zurück in den Iran schlagen.

„Ein Haus am See“

Schade! Was werden wir die gemütlichen Nachmittage mit Kaffee und Kuchen bei ihm vermissen – nicht zuletzt wegen der dazugehörigen tiefsinnigen Gespräche. Dem verehrten Leser würde etwas entgehen, wenn er nicht zumindest drei seiner Hauptmaxime mitgeteilt bekommen würde:

„Wasser ist Leben und keine Handelsware!

Einfach leben, hoch denken!

Friede, Freude, Frank!“

Am 6.9. machen wir uns auf den Rückweg in die Mongolei.

In Ulan Ude müssen wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, weil Gaia bereits seit einigen Tagen Durchfall hat. Ihr Zustand ist zwar nicht Besorgnis erregend, trotzdem kann das kein dauerhafter Zustand bleiben. Im städtischen Kinderkrankenhaus erhält Wolfgang zwei Stunden nach Abgabe einer Stuhlprobe das Ergebnis: Gaia hat sich Lamblien eingefangen, Darmparasiten, die hauptsächlich in verunreinigtem Wasser vorkommen. Ja, das ist eine der Schwierigkeiten, wenn man mit einem Kleinkind unterwegs ist. Man kommt nicht immer rechtzeitig, um es davon abzuhalten aus allen möglichen Pfützen, Tümpeln oder Rinnen zu trinken. Die Ärztin scheint nicht weiter erstaunt und entlässt Wolfgang mit einem Rezept im Gepäck.

Bereits einen Tag später kehrt Besserung ein (obwohl man sich jede Menge Tricks überlegen muss, um einem Kind Medizin zu verabreichen…) und wir machen uns auf Gasflaschen, Wasser- und Dieseltanks aufzufüllen. (1 Liter Diesel = 49 Cent)

Als letzte Attraktion wollen wir uns das Kloster Ivolginsk Datsan, einige Kilometer südlich gelegen ansehen. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese eher kleine Ansammlung von notdürftig Instand gehaltenen Tempeln das Zentrum des sibirischen Buddhismus sein soll. Davon lassen wir uns aber nicht stören, denn Flair hat dieser Ort auf jeden Fall. Gaia kann ihre ersten Gebetstrommeln drehen und wir beschließen noch einen weiteren Tag Energie zu tanken.

Der letzte Tag in Sibirien beschert uns strahlenden Sonnenschein, 20 Grad Celsius, einen Platz am See und man mag`s kaum glauben, geschenkten Fisch zum Abendessen.

Ein gutes Omen!

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