MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Pilgerfahrt

„Om Mani Padme Hum“

Das sind die Worte, die ein jeder tibetische Pilger, der sich zu Fuß, manchmal über hunderte Kilometer in Richtung Lhasa auf den Weg macht unermüdlich mit sich auf den Lippen führt. All diese Menschen, die die heiligen Tempel jedes Jahr am Ende jener Reise umschreiten, manchmal behände die Gebetstrommel in der rechten Hand schwingend, scheinen den harten Straßenbelag, der inzwischen deutliche Zeichen auf Stirn und Händen hinterlassen hat, den eiskalten Wind, der einem den Atem rauben kann und die schwer bewaffneten „spezial forces“, die sie in der Hauptstadt erwarten nicht zu fürchten.

„Om Mani Padme Hum“, das Mantra des Mitgefühls, summen auch wir seitdem wir es das erste Mal vernommen und es nun aus unseren Lautsprecherboxen dröhnt immer wieder monoton mit.

„Om Mani Padme Hum“ meint für Jedermann und für alles Leben im Universum Mitgefühl zu empfinden…

“Om Mani Padme Hum“ laut der tibetischen Buddhisten das oberste Gebot im Umgang miteinander und man muss wohl einen sehr starken Glauben haben, um auch seinem Aggressor jenes Mitgefühl entgegenbringen zu können. Beim Rezitieren der Worte wird einem unweigerlich bewusst, wie viel es in diesem Leben noch zu lernen gilt!

Es ist morgens gegen halb zehn, das Außenthermometer zeigt Minus Zwei Grad an, die Route führt uns soeben durch ein schattiges Tal, neben einem vereisten Fluss her und es wird voraussichtlich noch drei Tage dauern, bis wir Lhasa erreichen werden. Wolfgang stoppt den Lastwagen, steigt aus, öffnet die Tür zur hinteren Kabine, um mich auf etwas ganz Besonderes aufmerksam zu machen.
Hinter uns auf der Straße, immer paarweise werfen sich gerade einige dick vermummte Menschen darnieder und berühren anschließend mit dem Kopf den Asphalt. Dann erheben sie sich, um mit zum Himmel erhobenen Händen einen Schritt nach vorn zu tun, bevor sie sich erneut auf ihre Knie werfen, die Stirn zum Boden führen, sich erheben. Wir beobachten sie einen Moment, warten bis sie näher kommen; sie schenken uns ein kurzes Lächeln, bevor sie unbeirrt mit ihrem Ritual fort fahren. Sie tragen Wollmützen und Gesichtsmasken, die sie wohl minimal vor dem Eindringen der Kälte schützen, klobige Hölzer an den Händen und Lederschürzen um den Leib, um Verletzungen durch Aufschürfungen beim ständigen Niederwerfen zu vermindern. Leise summen sie vor sich hin. Einige aus der Gruppe tragen auf der Stirn bereits faustgroße, graue Male als Zeichen der Bürde, die sie auf sich genommen haben, um ihrem innigen Glauben Ausdruck zu verleihen. Wir fühlen uns durch diesen Anblick tief berührt. Nicht kunstvoller Prunk, kein Gebäude aus Stein, oder blumige Reden, nicht ausweisendes Gewand und goldenes Götzenbild, oder den Geistern errichtete Denkmäler haben bei uns einen solchen Eindruck hinterlassen können, wie diese „einfachen“ Menschen hier auf der Straße es tun.

Etwas Besonderes, nennen wir es den „Spirit“ ist hier inmitten der Berge, an diesem wunderbaren Ort überall um einen herum spürbar und man kommt schwer umhin eine tiefe Ehrfurcht vor dem Zauber der Schöpfung zu empfinden. Es wohnt den Menschen inne, den Felsen, Flüssen, dem klaren Himmel, den Bäumen und Tieren, selbst dem kleinsten Sandkorn, den wärmenden Sonnenstrahlen und den flatternden bunten Fahnen, die ihn in alle Welt hinaus tragen sollen.

Man hat offensichtlich vergeblich versucht die daraus entstandene Kultur zu brechen, sie in einen ideologischen Einheitsbrei zu rühren. Man wollte diese gelebten Überzeugungen brechen, sie beherrschen, manipulieren und lenken, ausmerzen…aber hat man je die Welt von hier oben aus betrachtet und ist mit so vielen Pilgern gen Lhasa gezogen, dann weiß man, dass ein solches Vorhaben unmöglich ist!
Die Menschen hier oben lehren uns etwas, das ihnen keine neu gebaute Straße, keine gut verlegte Eisenbahnschiene, kein Gefängnis, oder Gewehr, kein Militärposten, Konsumgut, kein Fotoapparat und kein Mensch auf dieser Welt bis jetzt nehmen konnte – Geduld und Hoffnung! Und wir empfinden in diesem Moment nicht nur Mitgefühl für sie, sondern ebenso eine tiefe Anerkennung.

 

Tibetische Pilger mit Versorgungswagen

 

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Eine Antwort zu “Pilgerfahrt

  1. Eberhard und Lyssi Utz 88046 FN Februar 17, 2012 um 8:44 pm

    Hallo Diana, Wolfgang & Gaia, nach langer Zeit schauen wir mal wieder, wie Euer Leben in der Fremde verläuft. Seit unserem Zusammentreffen in Thailand, habt Ihr ja schon unglaubliche Dinge erlebt. Immer wieder sind wir fasziniert von Eurer Reiseroute. Wollt Ihr über Nepal, Indien, Pakistan weiterreisen? Sicher wißt Ihr, daß Pakistan derzeit ein sehr großes Risiko birgt. Aber zunächst bereist Ihr ja erst mal noch Indien, wie ich aus Eurem Bericht entnommen habe. Wir wünschen Euch von ganzem Herzen weiterhin eine gute Fahrt, Wolfgang noch nachträglich Alles Gute zum Geburtstag von Lyssi und Eberhard, FN