MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Bodh Gaya

Auf der Suche nach Erkenntnis

Ab hier treten wir in große Fußstapfen. Unser Weg führt von Lumbini in Nepal, dem Geburtsort Siddharta Gautamas nach Bodh Gaya in Indien, wo eben jener Prinz nach jahrelanger meditativer Suche unter einer Schatten spendenden Pappel einst die Erleuchtung fand und seither dem Rest der Zivilisation seinem Wirken nach als „Buddha“ bekannt ist.

Bevor wir aber verehrten Boden erreichen, muss unser „Schlachtschiff“ noch durch die schmalen Gassen der Namensschwester von Gaia, Gaya manövriert werden, was ohne Umgehungsstraße eine schweißtreibende Halbtagesbeschäftigung ist. Die Häuserwände rücken kontinuierlich näher, der Verkehr wird dichter, nach wie vor blockieren dicke Ochsen den  Verkehr und ich befürchte schon wir würden trotz zuversichtlicher Auskunft es ginge hier weiter ganz sicher stecken bleiben, da erbarmt sich ein Apotheker und leitet uns sicher auf seinem Motorrad durchs indische Alltagschaos. Zumindest hängen hier die Stromkabel höher und keiner muss an diesem Abend aufs Unterhaltungsprogramm verzichten…

Heilige Kuh

Bodh Gaya, 15 Kilometer weiter östlich ist im Verhältnis zu seinem Bekanntheitsgrad ein Dorf. Ein Treffpunkt buddhistischer Pilger aus aller Herren Länder, die z.T. scharenweise in gut klimatisierten Großraumbussen angekarrt und in „All facilities“-Unterkünften abgeliefert werden. Dieses Jahr, so sagt man uns, wäre ein ganz besonderes Reisejahr für das buddhistische Mönchstum, denn man trifft die meist mit einem Lächeln und jeder Menge Neugierde und auch Bargeld ausgestatteten, kahl geschorenen (meist) Männer in Orange und Bordeaux an nahezu jeder heiligen Stätte an.

Nachdem wir uns bereits dazu entschlossen hatten, unser Lager auf einem weitläufigen, sandigen Parklatz, umgeben von Cricket spielenden Jugendlichen und streunenden Kindern aufzuschlagen, bekommen wir den Geheimtip noch etwas weiter ins Zentrum einzutauchen, denn dort wären wir umgeben von allen Annehmlichkeiten, die einem Touristen das Leben nach Meinung der Inder leichter machen würden und vor allem sei es ruhiger. Das Wort Ruhe hört sich verführerisch an, obwohl sich der angepriesene Platz als unbrauchbar erweist. Doch wer sucht wird fündig und so stoßen wir kurz vor Sonnenuntergang auf eine paradiesische Wiese (das bisschen Müll drum herum wird einem in Indien so vertraut, dass man es irgendwann ausblendet) hinter einem Zaun rund um ein herunter gekommenes Hotelgelände im Kolonialstil, dessen Vorlatz für die  kommenden Tage unser Domizil sein wird. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich ein durch Asien reisendes Kind über den Anblick einer grünen Wiese freuen kann und über bunte Blumen, ein erfrischendes Bad im Waschzuber…und bei diesem Anblick denken wir einmal mehr an Daheim.

Typische Belagerung

Feierlich machen wir uns am nächsten Tag auf die lange Reise die Straße entlang auf den Pfad der Erkenntnis. Doch bevor wir überhaupt eine Gelegenheit dazu bekommen über das Leben zu sinnieren, sind wir schon in die erste Pferderikscha verfrachtet, sitzen in einem der bereits 150 Kilometer vorher hoch gepriesenen „Gut und Günstig“-Lokale, wo zumindest mich die erste Erkenntnis des Tages trifft: Ich koche die kommenden Wochen nicht mehr! Nur Gaia lässt sich noch nicht so ganz überzeugen und bleibt bei: „plain rice!“. Doch nach dem wunderbar vegetarischen Essen hält uns nichts mehr auf den Plastikstühlen und vorbei an Souvenirbuden, Saft- und Eisverkäufern, pilgern wir den Hauptplatz entlang zum Eingangsportal. Kinder mit verfilzten Haaren fragen nach „Candys“, eine alte, gebeugte Frau bittet mit zitternden Händen und Beinen um etwas Kleingeld, wie etliche andere, eine Gruppe Musiker mit körperlichen Einschränkungen spielt gegen klirrende Münze in der Blechschale auf selbst gebastelten Instrumenten,…der Staat gewährleistet in Indien keine soziale Sicherheit; viele der ca. 1 Mrd. Menschen leben in reeller Armut; das Kastensystem kennt kein Entkommen aus der gesellschaftlichen Position – auch solche Bilder sind bis hierher allgegenwärtig, verursachen in einem in ihrer Härte, Offensichtlichkeit und Anzahl ein Gefühl der Hilflosigkeit…

Strassen-Schuster

Auf ein paar Quadratmetern, um einen glücklicherweise noch nicht vergoldeten, eigentlich unauffälligen, alten Baum, der seine schweren Glieder nur mehr mit Hilfe von einigen Eisenstangen über dem Erdboden halten kann, trifft sich nun also die Welt. Alt und jung, groß und klein, dick und dünn, arm und reich, aus Nord, Süd, West und Ost – an diesem Ort muss sich ein jeder seines Schuhwerks entledigen, um erwähnten, ehrwürdigen Fußstapfen nach zu folgen. Vielleicht hindert der kühle, weiße Marmor, der rund um einen „angemessen“ beeindruckenden, den „Bodhi Tree“ überragenden Tempel verlegt wurde, die Besucher daran sich aufs Wesentliche zu konzentrieren…ständig werden wir von indischen Touristen um Fotos mit Gaia gebeten, hellhäutige Besucher verrichten tibetische Gebetspraktiken gleich Spitzensportlern…doch dann, endlich, setzt ein meditativer Gesang aus den Mündern weiß gekleideter Männer und Frauen, die zu Füßen des Baumes im Schneidersitz sitzen ein und begleitet von diesem Singsang lassen wir uns nicht mehr dabei unterbrechen dem Baum die Ehre zu erweisen!

Buddha Baum

…und ein Blatt segelt Gaia am Ende dann doch noch direkt vor die Zehenspitzen 😉

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