MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Der Karakorum – Highway

In Begleitung

Ab hier tauchen wir in die aktuelle Wirklichkeit Nordpakistans ein und mit jedem zurück gelegten Kilometer mehr, erscheint die Welt um uns herum ein bisschen ungebändigter, ein bisschen abenteuerlicher und anders als vermutet; was erwartet uns wohl dort oben, in ein paar tausend Atemzügen Entfernung, wo sich drei der höchsten Gebirgszüge, der Hindukusch, der Karakorum und der Himalaja im Land der Paschtunen und Hunza kraftstrotzend gegenüberstehen?

Karakorum Highway

Schon dort, wo die Hauptstadt ein jähes Ende findet, die wir gemeinsam mit Eva und Jens aus Deutschland und Michel mit Freundin Tachna aus Belgien verlassen, verändern sich nicht nur das alltägliche Leben der Menschen und das Gesicht der Landschaft erneut, sondern auch kulturelle Gepflogenheiten wechseln und erfreulicherweise das Wetter. Es kühlt ab. Die Straßen, die wir uns mit Ziegen und Schafen teilen werden schlechter und außerhalb der Städte wird der Anblick weiblicher Silhouetten immer rarer.

Pakistanisches Landleben

 Kartenstudien

Bei der Stadt Haripur gelangen wir schon nach kurzer Zeit auf den berühmt berüchtigten „Karakorum – Highway“, die Straße des „Schwarzen Gerölls“ mit dessen Bau bereits 1958 begonnen wurde und der wohl nie ganz abgeschlossen sein dürfte. Doch auf den ersten von insgesamt ca. 700 Kilometern, die uns auf eben jener Straße bis zur chinesischen Grenze noch bevorstehen, präsentiert sich die einzige Verbindung des mächtigen ex-kommunistischen Bruders an den Indischen Ozean zwar stark befahren und landschaftlich eher unspektakulär.

Der erste Fahrtag durch den Verwaltungsbezirk Khyber Pakhtoon zieht sich scheinbar endlos in die Länge. Noch wollen die Streckenposten zwar hin und wieder einen Blick in unsere Pässe werfen und stellen vereinzelt Fragen nach offiziellen Papieren, die uns dazu bemächtigen würden das Gebiet zu passieren (die wir aber nicht vorweisen können), dennoch bleiben wir von bewaffneten Mitfahrern vorerst verschont.

Sind wir hier richtig?

Nachdem wir bei Einbruch der Dunkelheit jedoch die Brücke über den Indus zwischen Shiwi und Besham überquert haben, lässt man uns nicht mehr so einfach durch. Erst nach hartnäckigen Diskussionen und einem offenkundig höheren Beamten am Mobiltelefon gewährt man unserem kleinen Konvoi in Begleitschutz und ohne notwendiges Papier die holprige Weiterfahrt im Dunkeln bis nach Besham. Dort müssen wir vor der nächsten Schranke noch ein Weilchen länger warten, bis man uns die Erlaubnis erteilt, die letzten 500 Meter bis zu einem der „sicheren“ Übernachtungsplätze vor einem der PTDC-Hotels zurück zu legen. Wir sind mittlerweile in politisch instabilen Gebieten angekommen, weshalb sich am nächsten Morgen ein Maschinengewehr schwingender Begleiter zu uns gesellt. Er allein muss uns und unsere 3 Fahrzeuge auf den folgenden 20 Kilometern durch die Bergpassage, von der die Verbindungsstrecke ins Swat-Valley, bis wohin der kurze Arm des pakistanischen Gesetztes immer noch nicht zu reichen scheint, beschützen.

Karakorum Highway

Nachdem er uns verlassen hat, besonders zur Freude von Jens, dem er seinen Gewehrlauf die ganze Zeit über unbedacht ins Gesicht hält, zeugt die Szenerie auf der anderen Seite der Scheibe eindeutig davon, dass wir nun bis ins Paschtunengebiet vorgedrungen sind. Es wird noch „wilder“, der Zustand der Straße, die Behausungen der Menschen, das Angebot an Nahrungsmitteln lassen auf die größere Armut der Region schließen. Weit und breit kann ich die kommenden Tage keine Frau mehr entdecken; nur einmal kauern an einer Bushaltestelle hinter einer provisorisch errichteten Mauer zwei vermummte Gestalten. Männer mit manchmal hennarot gefärbten Bärten und den typischen Wollmützen auf den Köpfen sitzen in Grüppchen am Straßenrand, gucken mal grimmig, mal verwundert, oder freundlich lächelnd zu uns herein.

katastrophale Straße

 Paschtunen

Nordpakistan

Im Gegensatz zum Iran, in dem das Tragen eines Kopftuchs gesetzlich festgelegt ist, fühle ich mich hier eigentlich in keinster Weise dazu genötigt ein solches zu tragen, tue es dann aber aus Respekt und zum Selbstschutz doch. Auch dieser Tag soll schließlich in einem der PTDC-Hotels mit nettem Garten und schöner Aussicht enden, hinter dessen Natursteinmauer eine Hand voll kleiner Jungen mit schwarzen, braunen, blonden, roten Haaren und manchmal blauen Augen lautstark um ein paar Stifte betteln. Ich fühle mich in diesem Land wesentlich wohler, als anfänglich befürchtet und meine Neugierde auf die Menschen, die hier leben wird immer größer.

Im Fokus

In dieser Nacht jedoch werde ich vom Geräusch ankommender Fahrzeuge und dem Gespräch über ein knackendes Satellitentelefon direkt neben dem Blech wach gehalten und ich denke schon: Mist, jetzt holen sie uns doch noch…In der Finsternis draußen kann man nichts erkennen und nach einigen unruhigen Minuten schlafe ich dann doch wieder ein.Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass wir von der örtlichen Polizei gefunden worden waren und man nicht nur Wächter über unseren Schlaf abgestellt hatte, sondern uns außerdem eine Motorrad-Eskorte bis 5 Kilometer weiter zu Verfügung gestellt wird.Von da an werden wir von einem Streckenposten zum nächsten quasi weiter gereicht, wo dann individuell entschieden wird, ob man uns Begleitschutz mitgibt, oder auch nicht.

  Begleitschutz

mit Motorrad

Ab der Grenze nach Gilgit – Baltistan sind wir dann endgültig wieder uns selbst überlassen und das fühlt sich ehrlich geschrieben auch nicht viel anders an.

Das Gebirge, in das wir vorgedrungen sind, macht seinem Namen nun alle Ehre. Die mächtigen Felsen und das Geröll, das in alle Himmelsrichtungen ragt und das manches Mal nur noch eines kleinen Schubsers zu bedürfen scheint, um uns auf der anderen Seite der Straße mit sich in die Tiefe ins eiskalte Flusswasser zu reißen, sorgt für den täglichen Adrenalinkick.

Straßenbeschilderung

 

Die Landschaft wird von Meter zu Meter faszinierender, ist einzigartig in der Härte an Kontrast und Kontur; grüne Oasen, blauer Himmel, rote, braune, schwarze Felsen, beiger Sand, weiße Gipfelspitzen – da bieten sich auch immer wieder Möglichkeiten die angestauten Anspannungen wieder davon zu jagen.

Der Karakorum

 Einsame Bergwelt

Sandsurfen

 Prachtexemplar

Im Angesicht des Schnee bedeckten Nanga Parbat treffen wir am „Tag der Arbeit“ auf einem ruhigen Wüstenplätzchen nahe der Strecke wieder auf die beiden anderen „Schwergewichte“ des geplanten Konvois durch China – den deutschen Unimog und den italienischen Fiat. Die Wiedersehensfreude rund um die Familien wird nur durch ein plötzlich an diesem Tag beginnendes Fieber bei Gaia getrübt. Mit 38 Grad hat sie verständlicherweise keine große Lust draußen mit zu buddeln, sondern zieht einen dunklen, ruhigen Raum und wenig Unterhaltung vor.

Inmitten der Gebirge

Das anhaltende Fieber ist denn eigentlich einen Tag später auch der Grund dafür, warum wir die Abgeschiedenheit des Ortes mit Mongolei-Flair noch ein wenig bevorzugen würden…jedoch holt uns die Nachricht über einen Erdrutsch, der in der voran gegangenen Nacht abgegangen sei und die Straße in unserer Richtung blockiere ein und ändert die Pläne. Außerdem schrumpft unser Quantum an Zeit zusätzlich, als uns ein anderes Konvoimitglied via Telefon über die Situation am Attabad-Lake in Kenntnis setzt. Wir müssen so schnell wie möglich weiter und die Überfahrt der großen Fahrzeuge über den im Jahre 2009 durch einen Erdrutsch entstandenen, 16 Kilometer langen Stausee organisieren. Noch immer scheint kein geregelter Fährenverkehr zu existieren.

lonely donkey

Da hilft alles nichts; so weit oben und beinahe abgeschnitten von zuverlässiger ärztlicher Versorgung, mal abgesehen vom „Polio-Mann“, der uns an jedem „Checkpoint“ eine Schluckimpfung verpassen will, bekommt Gaia einen Löffel Paracetamol. Das senkt das Fieber vorerst und regt ihren Appetit an, so dass sie die holprige Fahrt über eine alternative Piste gut übersteht.

Straßenarbeiten

Als wir nach einer Stippvisite der Verwaltungshauptstadt Gilgit schließlich den „Campingplatz“ von Karimabad erreichen, kehrt nicht nur Erleichterung darüber ein, den längsten Abschnitt der Strecke bewältigt zu haben, sondern es keimen auch alte Erinnerungen auf. Im Gästebuch, das der Besitzer stolz präsentiert kann man noch immer Wolfgangs Unterschrift von vor über 7 Jahren finden, als er hier gemeinsam mit seinem alten Reisekumpanen Wolfgang zu Besuch war. Für sie endete der damalige Ausflug über den Karakorum – Highway an dieser Stelle, für uns soll der spannende Teil erst noch beginnen.

 Good bye Pakistan

long live pakistan

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