MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Kasachstan

Diesel, Staub & die Erkenntnis

Eigentlich hätten wir`s besser wissen müssen, um uns das Kopfzerbrechen vorab zu ersparen…aber wer weiß…vielleicht wäre es Anderen zu einem anderen Zeitpunkt tatsächlich ganz anders ergangen…

Aus 1., sowie 2. Hand erreicht uns vor der Einreise ins „Land der freien Reiter“ nicht gerade Freude versprechende Kunde. Es wird von katastrophalen Straßenverhältnissen auf mehreren hundert Kilometern und anarchistischen Zuständen berichtet, die bis hin zu Straßenblockaden mit Plünderungsabsichten reichen sollen.

Verständlicherweise können einen solche „frohe Botschaften“, vor allem, wenn man aus entgegengesetzter Richtung anreist zur Kehrtwende bewegen…von unserer Warte aus gesehen und unter Anbetracht der momentanen Umstände, veranlasst uns das berichtete jedoch „bloß“ zu vermehrter Vorsicht und zum Durchtreten des Gaspedals. Wo „brennt`s“ schon nicht und wir befinden uns gerade nicht nur in bester, sondern eben auch in erfahrener Gesellschaft!

(Darüber hinaus verhält es sich mit dem Informationsgehalt von „Erfahrungsberichten“ auf Reisen ähnlich wie mit dem „Informationsaustausch“ über Internetforen – viel zu oft wird mehr Verwirrung gestiftet, als für Klarheit gesorgt!)

Sooo und nun zum Eigentlichen, unserer Geschichte:

Bereits das Aufspüren des Grenzübergangs bei Talas, westlich von Bishkek gelegen, erweist sich als nervenaufreibend und zeitaufwendig. Der Beschilderung in Richtung Taras (in Kasachstan) folgend, landen wir zuallererst über eine ziemlich verlassene und durchlöcherte Betonstraße vor dem ehemaligen und jetzt mit Stacheldraht verbarrikadierten Grenzübergang. Aus einem windschiefen, kleinen Gebäude krabbeln zwei Soldaten in Unterwäsche, die uns verpennt und schief grinsend (und höchstwahrscheinlich gegen „Geschenke“) gern zur Hand gehen würden. „Nein, danke!“ Wir entschließen uns dazu noch mehr Diesel auf`s Spiel zu setzen und nehmen die nächsten Kilometer intuitiv in Angriff. Aber auch der nächste und übernächste Versuch scheitern, was eine erneute, heftige Debatte zum Thema: „Mit oder ohne GPS reisen“ zwischen Wolfgang und mir auslöst. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass ich mich nur mit Landkarte ausgerüstet auch nur über das, was da alles „falsch“ verzeichnet ist streiten muss… “Und überhaupt sind wir bis jetzt immer gut damit gefahren, wenn wir die Leute auf der Straße nach dem richtigen Weg gefragt haben!“

Ja, aber dieses Mal muss ich zugeben…entweder will man uns bewusst in die Irre führen: „Da, da, Granitsa!“ („Ja, ja, da geht’s`zur Grenze!“ -und wir beherrschen dieses Wort, weil in allen ehemals der Sowjetunion zugehörigen  Ländern benutzt, mittlerweile aus dem FF: „Granitsa!“ Es kann also davon ausgegangen werden, dass man uns versteht). Bleiben noch das China-Syndrom, also absolute Inkommunikativität („Ja, was wollen die mir jetzt mitteilen, wenn sie ständig Grenze sagen…?“), oder die angesprochenen Brüder und Schwestern haben es nie auch nur weiter als in einem Radius von einem Kilometer um den Block geschafft und wissen wirklich nicht, wo es zur Grenze geht. Alles ist möglich und uns bleibt am Schluss, nach einem halben Tag sinnlosem hin und her Kurven und nutzloser Fragerei nur das Autostoppen!

Und siehe da, bereits im zweiten Wagen (nachdem uns die Insassen des ersten Fahrzeugs schon wieder in die falsche Richtung geschickt hätten), sitzt ein junges kirgisisches Mädel, das der deutschen Sprache mächtig ist. Sogar fließend, und helfen kann sie auch noch! Nur eskortieren darf sie dann doch nicht, da just im nächsten Moment das Militär in Form zweier Soldaten in einem winzig kleinen 4X4 Volvo zum Stehen kommt und nach gestrenger Sicht unserer Ausweispapiere ebenfalls behilflich sein will. Wir fahren zurück, zurück, zurück, bis fast zum Ausgangspunkt, wo eine fiese, uneinsichtige Einfahrt, kurz nach unserem letzten Übernachtungsplatz, gen Norden, am irgendwie hämisch grinsenden Lenin vorbei, zum Ziel führt.

Vielleicht überleg ich mir das doch nochmal mit dem Navigationsinstrument…

Höflich, einigermaßen zügig und auf die „einwandfrei englische“ rollen Morpheus Schlappen über einen Desinfektionsmisthaufen schließlich von KG nach KZ und das erste Mal werde ich ganz direkt danach gefragt, ob ich denn eine Perücke trüge…und schwanger sei…“Neeeiiin, wieso…?“

Die erste Nacht im neuen, aber nicht mehr unbekannten Land verbringen wir dank nicht endend wollender Vorstadtbezirke auf dem geräumigen und ruhigen Parkplatz einer Moschee. Neben Autobahnrasthöfen, Steppe, oder thailändischem Strandplatz immer eine gute Adresse für sicheren und stressfreien Schlaf. Der Sohn des Imam, ungefähr in unserem Alter, kommt mit seiner kleinen Tochter an der Hand vorbei und überreicht uns als Begrüßungsgeschenk eine große Schale frisch gepflückter Kirschen. Vor allem in der momentan wieder populären Diskussion darüber, inwiefern „all die Moslems da draußen sich auf negative Art und Weise von uns unterscheiden“, frage ich mich, ob einem muslimischen Kasachen, der mit einem etwas außergewöhnlichen, nicht mehr ganz sauberen „Expeditionsmobil“ auf einem deutschen Kirchenparkplatz vorfährt, Tisch und Stühle aufbaut, die Kinder derweil jubelnd durch die Szene laufen, dasselbe Schicksal erwarten würde…vielleicht…aber nur im Sommer, wenn`s Kirschen gibt…

Unser Neustart ins überwiegend muslimische Kasachstan wäre demnach geglückt und wurde für durchwegs positiv befunden!

2000 Kilometer Ungewissheit liegen jedoch noch vor Morpheus Stoßstange, bevor wir Oralsk, eine der größeren Städte an der nördlichen Grenze zu Russland, in der man problemlos das russische Transitvisum organisieren können soll, erreichen.

Doch vorerst müssen wir nach und an Taras vorbei, eine der laut Aussage unserer Begleiter, einst trostlosen und grauen Sowjetmetropolen, die sich seit der Perestroika augenscheinlich ganz schön gemausert haben. Hier gibt ´s für jede Geldbörse das passende Zubehör und auch wir werden schnell fündig: Geld wechseln, SIM-Karte für`s Mobiltelefon, frische Lebensmittel, einige Ersatzteile kaufen und sich im Cafe Istanbul nach langer Zeit eine Lahmacun gönnen. Das übliche Städteschwelgen eben.

Unüblich ist da eher, dass es in Kasachstan nach wie vor eine Registrationspflicht gibt, derer man innerhalb von fünf Tagen nachkommen muss. Vielleicht vom langen Warten auf der Behörde, oder vom üppigen Stadtessen  bekommt Wolfgang Fieber, was uns einen Tag länger als nötig an Ort und Stelle fesselt. Er muss bei über 40 Grad Außentemperatur im Laster schwitzen, während wir uns im Kinder-Vergnügungsparadies einen Frauentag mit kulturellem Hintergrund gönnen. Zusammenfassend würden wohl nicht alle Spiel- und Rummelplatzgerätschaften der Prüfung eines TÜV standhalten, aber Spaß haben wir allemal, wenn auch nicht ganz schwindelfrei!

Glücklicherweise fühlt sich Wolfgang bald besser und wir können uns auf der rasanten Fahrt quer durch den Staat davon überzeugen, dass ab hier im Vergleich zum quirligen, reichlich bevölkerten und lebendigen Südost- und Südasien wieder eine andere Lebensart beginnt.

„Ein Kreis schließt sich…“, sage ich wehmütig und Sameena antwortet: „…und ein neuer tut sich auf – immer und immer wieder!“ ☺

Die anfangs akzeptable Straße führt durch zahllose, scheinbar unbewohnte Dörfer. Im Vergleich sauber, ja nett, irgendwie charmant, aber…langweilig. Kleine 1-Familien-Häuser mit blauen Wellblechdächern, davor Mini-Gemüsebeete, rundherum Holzzäune. Über Land verlegte Gas- und Wasserrohre führen den Gehweg entlang. Hier und da lugt ein Vereinzelter um die Ecke, überholen wir ein Pferdegespann. Große, baumlose Nutzflächen geben dem Bild einen passenden Rahmen.

Aber trifft man auf Menschen, bzw. finden sie einen; bei uns sieht fast jeden Abend jemand nach dem Rechten, erfährt man so einiges über die kasachische Seele. Naturverbunden, überaus gastfreundlich, aufmerksam und interessiert, nicht übertrieben, respektvoll heißen uns die Menschen auf ihren Äckern und Weiden willkommen. Ein Schafhirte, der seine Tagesration Feta mit uns teilt und Luca einen Ritt auf seinem stolz präsentierten Hengst wagen lässt; vom Bauern gibt`s Milch, Trinkwasser und frisches Obst; ein Großgrundbesitzer gesellt sich mit Bier für die Männer, Schokolade für die Frauen und Süßgetränke für die Kinder zu uns. Wir könnten gern ein paar seiner Hektar zum Leben haben, meint er, als er zum Sonnenuntergang wieder verschwindet…so viel Aufmerksamkeit haben wir außerhalb unseres Bekanntenkreises nur unter den Moslems erfahren. Da muss ich zustimmen, scheinen sie alle gleich zu sein! Anstatt Straßenblockaden und Plünderungen also Einladungen zum Bleiben und Geschenke…

Trotz aller angenehmen Fügungen halten Asphalt und Umgebung beinahe das, was uns vorher angekündigt wurde. Es wird zunehmend holpriger die Landschaft eintöniger, die Temperaturen ab Mittag zermürbend. Wir verändern den Tagesrhythmus, um das viele Fahren vor allem für Kinder und Schwangere erträglicher zu machen. Wenn die Sonne sich früh morgens glutrot über die trockene Steppe erhebt und das Thermometer noch unter 20 Grad Celsius anzeigt, setzen sich die Fahrer hinters Steuerrad und geben Vollgas. Während sie den Diesel, der hier noch umgerechnet ca. 50 Cent kostet verheizen, hüte ich mit Gaia die Matratze und bin froh, dass die Erschütterungen durch die streckenweise Wellblechpiste in dieser Position besser zu bewältigen sind. Gaia kann bei dem Gerüttel sowieso am allerbesten schlafen und erwacht normalerweise erst zum Frühstück, drei Stunden später. So spart sie sich schon Mal einen dicken Teil des durchschnittlich 8 Stunden dauernden Fahrtages.

Eine Strecke von ca. 1000 Kilometern ab östlich des Baikalsees bis Oralsk, befindet sich derzeit im Bau. Das bedeutet, frisch gegossener, manchmal befahrbarer Teer wechselt sich mit parallel verlaufender, staubender Sandpiste ab. Hoch und runter, auf und ab, mal links steil herunter, dann wieder rechts und manchmal können wir uns dank guter Bodenfreiheit auf einen Teil ganz neuer Straße mogeln, der eigentlich gesperrt ist. Manchmal heißt das aber auch wieder umdrehen zu müssen, weil man nie weiß, ob man am Ende wieder runter kommt…

Mittags versuchen wir in der unendlichen Ödnis entlang der Hauptstrecke ein „Cafe“ zu erspähen, indem es mindestens eisgekühltes Wasser, Schatten und ein Gericht mit Weißbrot serviert gibt. Dummerweise komme ich als Vegetarierin dabei häufig etwas schlechter weg, weil es sich bei diesen Gerichten meist um Fleisch-Nudel-Suppen handelt. Macht auch nichts, dann ernähre ich mich kurzzeitig eben hauptsächlich von Tomaten, Gurken, Pasta und Weißbrot (aber für ein paar Bananen, wer weiß, wäre ich über Leichen gegangen…)

Bis hierher, also nach ca. 3 Stunden Fahrt + 2 Stunden Frühstückspause + 2 Stunden Fahrt, haben wir im Schnitt 100 Kilometer zurück gelegt. Das wiederrum bedeutet, zurück auf die Piste. Mittagsschlaf für Kinder und Schwangere und schweißtreibende Schwerstarbeit für die Fahrer!

Gegen 17 Uhr neigt sich dann, wenn schon nicht der Tag (Sonnenuntergang 23 Uhr!), so doch das Geschaukel und Staub schlucken (komischerweise finde ich im momentanen Stadium gerade den Geruch von Sand besonders interessant) dem Ende entgegen und irgendwo im Nirgendwo, abseits der Strecke flüchten sich sämtliche Passagiere bei einem Tässchen Chai (schwarzer Tee mit Gewürzen und Milch) in den monströsen Schatten der Fahrzeuge. Ja, wir brauchen viel, viel Platz um Atmen zu können und dann doch wieder ganz wenig…

Danach beginnt die Zeit der Kinder. Langsam kühlt es etwas ab und Singen, Springen, Tanzen, Fangen, Zanken, Rennen, kreatives Feuerwerk beginnen. Ich sitze auf meinem notdürftig zusammen geflickten Campingstuhl, immer noch im Schatten unseres Zuhauses und sehe zu. Ich sehe zu und bin glücklich. Glücklich darüber, dass unser Kind auf dieser langen Reise neben allem anderen erfahren durfte, was SPIELEN ist, was Freunde sind und wie die Freiheit schmeckt. Ich sehe zu und finde etwas, nach dem ich wohl gesucht hatte:

Sieh die Welt nur für einen Moment mit den Augen der Kinder. Denke nicht an gestern und denke nicht an morgen. Freue dich der Dinge, die da wachsen und sind. Bleibe niemals stehen – es gibt noch so vieles zu entdecken. Sei dankbar. Preise das Leben und achte den Verstand, indem du ihn FREI sein lässt…

„We don`t need no education, we don`t need no thoughts control…“

„Was waren wir frei – was sind wir frei!“

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Eine Antwort zu “Kasachstan

  1. silverlineadventures Oktober 20, 2012 um 4:01 pm

    Aloha guys!! Thanks for sharing your incredible adventures with all of us! Is really inspiring read about your experiences! keep rocking Morpheus crew!! we follow you!