MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Kategorie-Archiv: 2011/07 Sumatra

Morpheus statt Äquator

Sobald wir das als Nationalpark deklarierte Gebiet verlassen, durch das sich eine schmale, beschauliche Serpentinenstraße die Berge hoch und wieder runter durch satten Dschungel geschlängelt hatte, herrscht „Kahlschlag“. Immer wieder lodern Feuer zwischen symmetrisch angeordneten Fichtenreihen auf und ringsherum steigen Rauchsäulen meterweit in den Himmel. Angeblich sollen solche Brandrodungen und die damit verbundenen Smogwolken hauptverantwortlich für die Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Sumatra und seinem Nachbarn Malaysia sein…

Brandrodung

Bereits Ende des 19. Jhdts. begannen die damaligen Kolonialmächte damit moderne Plantagen in abgelegene Gebiete der Erde zu verlegen, wo man mittels billiger Arbeitskräfte neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Ertragsoptimierung ungestört erforscht haben soll. Die mit Hinweisschildern auf verwendetes Saatgut zugepflasterten Bäume am Wegesrand sprechen für diese Aussage. Recherchiert man die zugehörigen Hersteller landet man z.B. bei amerikanischen Firmen, die genetisch veränderte Samen vertreiben!

Pioneer

Am Takengonsee, der ein bisschen Heimatgefühle wach ruft, legen wir noch eine Übernachtungspause ein, bevor wir bei Bireuen wieder auf die Küste stoßen.

Takengon

Zuchtbecken

Der Trans-Sumatra-Highway trägt uns zügig zurück nach Medan und ein ganzes Feuerwerk an indonesischem Lifestyle zischt ein letztes Mal (für den Moment) an uns vorüber…

Packesel

Moschee

Kuppeln

Eiermann

Bananenkurier

Chauffeur

Am Ende ist es Gaia, die die Entscheidung darüber trifft, ob wir von Medan aus gleich zurück zu Morpheus nach Kuala Lumpur fliegen, oder doch noch einen Ausflug in den Süden, zum Äquator machen.

Im eigenen Haus die Welt zu entdecken ist eben doch etwas anderes, als Tag für Tag in einem anderen Zimmer schlafen zu müssen!

baik hari

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Aceh – Kopftuch, oder wie jetzt?

Bereits einige Kilometer zuvor hatten wir die Grenze nach Aceh passiert und ich beobachtete seitdem aufmerksam das Geschehen am Straßenrand. Laut Reiseführer und Internetangaben gilt in der Provinz seit dem Friedensabkommen von 2005 mit dem Rest Indonesiens das muslimische Recht, die Scharia. Die Bevölkerung hatte jahrzehntelang für eine unabhängige islamische Republik gekämpft, bis ihr schließlich von der Regierung Sonderrechte eingeräumt wurden und die Rebellen zur Waffenabgabe bereit waren. Für die Frauen hier bedeutete dies u.a. sich seither einem speziellen Kleidungskodex unterwerfen zu müssen.

Der Name der Provinzhauptstadt Banda Aceh ist uns im Westen aus den Medien geläufig, da der Tsunami anno 2004, dem ein Erdbeben mit der Stärke 9 einige Kilometer vor der Nordküste Sumatras vorangegangen war, dort die meisten Opfer gefordert hatte. Eine 15 Meter hohe Flutwelle begrub damals die Küstenregion unter sich und kostete mehr als 94 000 Menschen das Leben.

Wie genau mein Status als „Besucherin“ ist, will ich eigentlich gar nicht so genau wissen, ich halte es wie die überwiegend christlichen Batak-Frauen, von denen man immer noch einige antrifft und übe mich in dezenter Zurückhaltung, aber „obenrum ohne“.

Den Verkäufern eines Wochenendmarktes in den Bergen scheint unser Anblick eine willkommene Abwechslung zu sein und keiner der Versammelten versucht uns bezüglich unseres Auftretens zurecht zu weisen. Schauen und Tuscheln sind wir gewohnt…

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„Igbal“

Am 15. Juli verlassen wir die Insel Samosir im Zentrum des Kraters und sagen der eindrucksvollen Welt der Batak „Leb wohl“. Zum Abschied macht uns Ellie vom Restaurant gegenüber hervorragende Taccos für unterwegs und wir winken den Kindern aus der Nachbarschaft noch einmal zu, die soeben aus ihren Schlupflöchern gekrochen kommen.

Die Nachbarskinder

Aufgrund des miserablen Zustands der Straße mussten wir uns zwischen den beiden möglichen Destinationen Nord und Süd entscheiden, da die Zeit, die uns der Mietwagen zur Verfügung steht begrenzt ist. Unsere Wahl fällt zu Gunsten der nördlichen Provinz Aceh aus, wo wir uns weniger touristisch erschlossene Gebiete erhoffen.

Erosion in Sumatra

Durch kleine, wilde und schmutzige Ortschaften, vorbei an Kaffeesträuchern, Kakao- und Macadamiabäumen führt eine holprige Straße in die Berge.

Indonesischer Lifestyle

Kakaofrucht

Kakaobohnen

In einem der Dörfer legen wir eine Pause ein, um uns eine Veranstaltung aus der Nähe anzusehen. Überall im Land weisen große schwarze Tafeln, auf denen bunte Blumen zu Buchstabenketten zusammengesteckt sind, auf Festivitäten hin. Bis jetzt blieb es jedoch ein Rätsel, um was für eine Art von Veranstaltungen es sich dabei handelte.

Ja, denkt man noch beim Verlassen des Fahrzeugs, so eine indonesische Hochzeit mit leckerem Essen…

Ein Kamerateam ist auch schon vor Ort, um die Versammelten in ihren festlichen Gewändern zu verewigen. Männer und Frauen bewegen sich rhythmisch zum Takt der Trommeln und stampfen dabei mit den Füßen auf dem Boden auf. Drumherum sitzt der Rest der Dorfgemeinschaft, man raucht, kaut und spuckt. Kameraschwenk – „Äääh, hallo wir sind`s!“

Da keiner der Anwesenden Englisch zu sprechen scheint, dauert es eine Weile bis jemand Mitleid mit uns hat, der sehr bewandert in unserer Lieblingssprache, dem Gestikulieren ist. Nach ganzen 4 Handzeichen wissen wir daraufhin, dass es sich bei dem vermeintlichen Freudenfest um eine Beerdigungsfeier handelt. „Ups, nein danke, leider haben wir gerade schon gegessen…“

Es wird ein langer, fahrintensiver Tag bis nach Kutacane, von wo aus es nicht mehr weit bis Ketambe ist.

Kutacane

Auf der Baustelle beim Ex-Touristguide

Dort lockt erneut der Gunung Leuser Nationalpark mit „Expeditionen ins Tierreich“. Weil die Hütten am Fluß gar so gemütlich wirken, nur noch 3 weitere Touris auszumachen sind und man innerhalb weniger Minuten jede Menge Affen zu Gesicht bekommt, bleiben wir.

Gunung Leuser Nationalpark

Wilder Affe

Ketambe

Wir haben Glück, denn der Eigentümer des Gästehauses, in das wir einkehren, hat einen zuckersüßen kleinen Sohn, namens Igbal, der sich aufopfernd um Gaias Gunst bemüht. Den ganzen Abend darf sie sein Rad mit Stelzen in Beschlag nehmen und wird auch noch angeschoben. Als sie hungrig wird, füttert sie ihr junger Verehrer mit Reis und schenkt ihr obendrein seine Münzensammlung.

Verständlich, dass man bei so viel Engagement nur schwer zur Ruhe kommt…

"Igbal"

Der Tobasee und die Batak

Ein Supervulkanausbruch soll vor rund 74 000 Jahren den größten Kratersee der Erde, den Danau Toba, hier im Herzen Sumatras geformt haben. Es gibt Theorien, die besagen, dass den vulkanischen Winter, der daraufhin folgte, nur ein Bruchteil unserer menschlichen Vorfahren überlebt haben soll…

Die faszinierende Aussicht vom Kraterrand aus in den mit Wasser gefüllten Kessel ist nicht das Einzige, das uns in diese mystische Gegend gelockt hat.

Die Batak, ein urtümliches Volk, das die indonesische Insel einst auf der Flucht vor mongolischen Eindringlingen von Nordthailand und Myanmar aus bevölkerte, konnte sich seine animistischen Wurzeln an diesem abgeschirmten Ort noch lange Zeit nach der Kolonisation der Insel bewahren. Bis ins 19. Jhdt. hinein war der Kannibalismus fester Bestandteil der Stammeskultur. Als die christlichen Missionare sich dann am Ende doch bis in die letzten Ecken ferner Länder vorgearbeitet hatten, verschmolzen kulturelle Elemente der Batak mit den Errungenschaften der „zivilisierten“ Welt.

Wir machen 3 Tage Halt, um die mittlerweile sich auf uns alle ausgebreitete Grippe auszukurieren und beziehen auf Tuk Tuk ein stilechtes Quartier.

 

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Berastagi – Am Fuße des Vulkans

Erst am darauffolgenden Tag erreichen wir unser nächstes Ziel, den Gunung Sinabung.

Die Nacht hatten wir in einem der „Versteckspiel-Hotels“ entlang der Hauptstraße, die von Medan aus in südwestliche Richtung führt, verbracht. Die Einrichtung des Etablissements mit aufdringlichem Zimmerservice kann man nicht anders beschreiben als bonbonhaft. Nachdem der Hotelboy die Jalousie der angeschlossenen Garage blitzschnell heruntergelassen hat (!), öffnet sich eine pinkfarbene Holztür und gibt den Blick auf eine scheußliche Inneneinrichtung frei. Giftgrüner Kunstrasen zieht sich die Wände entlang, Türen und Wandbordüren leuchten in Pink und die Plastikmöbel bestechen durch grelle Türkistöne. Um das Farbspektakel noch zu verstärken, wird eine der Wände komplett von einem Spiegel bedeckt…

Spiegelzimmer

Nichtsdestotrotz überstehen wir die eine Nacht ohne Augenerkrankung, doch auf dem Weg in die Stadt Berastagi erwartet uns schon die nächste Überraschung.

Wir trauen unseren Augen kaum, als wir auf den Inhalt mehrerer an der Straße aufgestellter Käfige aufmerksam werden. Mathias stoppt den Wagen und wir ziehen los, um uns zu versichern, ob das, was wir da gerade gesehen haben, tatsächlich Flughunde gewesen sind. Und wirklich, in einer der großen, dreckigen Holzkisten mit Sichtgitter hängen ca. 30cm lange, zitternde schwarze Flattermänner und schauen uns kerzengerade an.

Eine junge Frau, die sich mit dem Namen Johanna vorstellt, präsentiert uns stolz die einzige Einnahmequelle der ganzen buckligen Familie und ich weiß nicht, ob ich jetzt ihr Lächeln, die Geräusche, die die Tiere von sich geben, oder die Tatsache, dass sie gegessen werden grusliger finden soll. Mal wieder so ein Augenblick, indem man zwischen Faszination und Abscheu hin und her gerissen ist…

Flughund zum essen

Präsentation eines Bat

Bevor man den Fuß des von uns angepeilten Vulkans irgendwie gefühlsmäßig gefahren erreicht, kann man sich in den umliegenden Dörfern einen Eindruck über den Alltag der ansässigen Bauern verschaffen. Die Gegend ist bekannt für ihr angenehmes Klima, indem Orangen, Kaffee, Kakao und Tabak besonders gut gedeihen.

Viele Frauen und Männer, sind gezeichnet von jahrelanger, harter Arbeit und die roten Ränder um ihre Münder verraten, wie sie sich Erleichterung verschaffen.

Tratsch überall

Berastagi

Die folgende Nacht wird die einzige sein, die wir auf diesem „Sonderausflug“ im Freien verbringen werden. Für eine solche Eiseskälte (10 Grad) sind wir nun wirklich nicht ausgerüstet! Wer würde denn auch erwarten, dass man 2 Grad vom Äquator entfernt zum Schlafen eine Federdecke benötigen würde? Nach einem Plausch mit dem Vogelfänger, einem romantischem Sonnenuntergang hinter der Silhouette des Kraters, Lagerfeuerromantik und gerissener Hängematte treffen wir uns alle im Auto wieder. Die einzige, die am nächsten Morgen gut erholt aussieht ist Gaia!

Hängematte

Lagerfeuer