MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

Von Eis, Sturm und Wasser in der Wüste

„You have to get up early and then you will see!“ antwortet mir Luca auf die Frage, wann wir denn jetzt endlich gefrorene Düne zu sehen bekämen. In der größten Trockenwüste der Erde herrschen durchschnittlich 20 Grad Celsius Unterschied zwischen Tages- und Nachttemperaturen, Sommer wie Winter. Bei momentan um die 18 Grad Celsius tagsüber und vereinzelten Niederschlägen, kommt es kurz nach Sonnenaufgang zu einem unvergleichlichem Naturschauspiel.

Eis 1

Eis 2

Doch damit noch nicht genug der faszinierenden meteorologischen Ereignisse. Wind zieht auf, wird stärker, „Dust Devils“ drehen an uns vorbei… und Mutter Natur lehrt uns erneut Ehrfurcht vor ihrer Majestät.

Sturm 1

Ungehalten peitscht der Sturm den Wüstensand auf, reisst ihn mit sich und presst ihn in jedwede Lücke. Dünen auf der Fensterbank, Dünen in den Betten, Dünen in Schränken und Schubladen, Sand im Haar, auf der Haut unter den Nägeln und im Augenwinkel. Schon bald verstummt die Klage über Sand im Essen und das leichte Knirschen beim Kauen wird zur Normalität. Unter solchen Bedingungen verpufft auch der letzte noch vorhandene Sinn für Orientierung und wir geraten ins Stocken. Außerhalb der Fahrzeuge hält man es nur noch mit Schutzbrille und Tuch über Mund und Nase aus.

Sturm 2

Kaum zu glauben, dass die algerischen Nomaden, die ihre Dromedarherden in diesem, dem fruchtbarerem Teil der Sahara grasen lassen, ein Leben ohne jedwede Unterkunft gewohnt sind. Noch nicht einmal eine Zeltplane schützt sie vor Kälte, Regen und Sonne. Aus dem was sie unterwegs vorfinden, aus Sträuchern und Hölzern errichten sie sich provisorische Wälle für die Nacht.

Nachtlager

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir unser Ziel, den „Verlorenen See“. Aus einem ehemaligen Bohrloch der Erdölindustrie tritt unaufhörlich ein ca. 35 Grad Celsius warmer schwefeliger Wasserstrom aus tiefer gelegenen Erdschichten empor. Damals, vor mehreren Jahrzehnten, bedeutete diese Entdeckung das Ende der Grabungen. In der Zwischenzeit hat die nicht versiegte Quelle eine Oase inmitten unendlicher Trockenheit geformt.

Lost Lake 1

Lost Lake 2

Nun wird es Zeit zurückzukehren, denn Trinkwasser und Nahrungsmittelreserven werden knapp.

Advertisements

Ein Oldtimer mitten im Sandkasten

Timbaine

20 Plateaus, 21 Dünenkämme, 10 Tage und Nächte schließlich. An manchen Tagen machen wir mehr Meter Sand beim Schaufeln gut, als Kilometer Strecke.

Ausbuddeln

Eingegraben 2

Außerdem ist nicht jeder „Track“ für den Schwertransport geeignet. Nur manchmal bemerkt man das erst später und muss wieder umkehren, um den Aufstieg von Neuem zu versuchen.

Aufgesessen

Trotz fehlender Servo, einem langen Radstand, begrenzter Kraft und nicht vorhandener Differentialsperre schlägt sich Morpheus besser als geglaubt -nicht nur aufgrund der mittlerweile vielseitig erprobten Straßenbereifung, sondern auch aufgrund der umfangreichen Fahrerfahrung des Piloten und mentaler + physischer Unterstützung unserer Gefährten.

"With a little help of my friends"

Auch das Auf und Ab der Gefühle, je nachdem in welchem Winkel zur Düne man sich gerade befindet, pendelt sich irgendwo über Normalnull, im durchschnittlichen Abenteuer-Adrenalin-Bereich ein. Wie heisst`s so schön, wer wagt gewinnt und wird mit ungeahnten Eindrücken und Erfahrungen belohnt!

5

Immer tiefer dringen wir in das „Meer ohne Wasser“ vor, bis auch die letzten Hasenjäger unsere frische Fährte verlieren, die für sie einen Highway durch die sich ständig wandelnde Landschaft darstellt, auf der sie viel schneller an ihr Ziel gelangen.

4

Ganesh

Moment mal, Hasen? Ja, Hasen! Momentan stehen die auf der Abschussliste, wovon zwar einige verstreute Patronenhülsen berichten, nicht jedoch der Anblick des begehrten Objekts selbst. Täglich gehen wir kundschaften, folgen den zahlreichen Spuren im weichen Untergrund und versuchen diese ihrem Besitzer zuzuordnen.

DSC_9780DSC_9743DSC_9803DSC_9796DSC_8564

Wirklich zu Gesicht bekommen wir aber von all den Fenneks, Schakalen, Vögeln, Käfern, Ameisen, Gazellen, Mäusen, Kamelen, Skorpionen, Schlangen, etc., mit denen wir momentan das „Wohnzimmer“ teilen nur die allerwenigsten. Einige Wüstenbewohner, wie Schlangen und Skorpione befinden sich zur Zeit noch im Winterschlaf ( 🙂 ), andere wie Motten oder Ameisen sind uns bekannt; aber einen Fennek, den Fuchs der Wüste zu sichten, der nur hier verbreitet ist, das wäre schon toll…

7

Die Eingangstür zur Wüste

Kamelhirte

Gut, so wild ist es also doch nicht! Wenn`s die kommenden 100 Kilometer bis hin zum „Lost Lake“ gemütlich weiter über ein paar softe Hügelchen geht, dann wird das der alte Morpheus schon schaukeln…Aber dann kommt das erste höhere Dünenfeld und zwingt unsere kleine Expeditionstruppe vorübergehend zum Stehenbleiben.

Wüstenkarawane

Erst mal Aussteigen und Gucken (Zum Glück). Doch an meiner subjektiven Perspektive ändert sich gar nix. „Die Wand“ aus Sand bleibt in meiner Vorstellung eine unüberwindbare Barriere für unseren Oldtimer. Alles, was ich vor meinem geistigen Auge visualisieren kann ist, wie der alte Morpheus dachüber und hilflos zappelnd gleich einem fettem Skarrabäus im unendlichen Sandmeer liegt. Für unsere wüstenerprobten Freunde von JUSALULU im Iveco „Ganesh“ stellen die vor uns liegenden geschätzten 50 Höhenmeter bis zum Kamm zwar kein so großes Problem dar, aber das Ziel ist natürlich, dass wir es gemeinsam schaffen!

Jippie

Es wird diskutiert und abgegangen, hin und her überlegt und vorausgeschaut, probiert und gegraben,…

Grübelei

Ich fange an zu schwitzen, obwohl ich mit dem Jüngsten im Schlepptau, am wenigsten in das Prozedere involviert bin. Erst mal `n bisschen die Füße vertreten.

Sicherheitsabstand

Nachdem auch Satellitenbilder und GPS zu Rate gezogen wurden, drehen wir ab und versuchen den „Einstieg“ ein paar Meter weiter östlich. Und siehe da: Wir folgen dem Pflanzenbewuchs bis er abbricht…; vor einem einsamen Gebäude hockt ein altes Weiblein, das mit ausgestreckter Hand in unsere Fahrtrichtung deutet… und zu guter Letzt kommt der „Trumpf“ zum Einsatz. „Abdallah“, Sohn der Wüste und alter Bekannter unserer Freunde Luca und Sameena. Als Spross einer der damals noch zahlreichen Nomadenfamilien dieser Gegend, hat er unter freiem Himmel das Licht der Welt erblickt und ihm zufolge sein eigenes GPS im Kopf. Er sieht in dieser eintönigen Landschaft Auffälligkeiten, die uns wohl ewig ein Rätsel bleiben!

„An dem großen Busch da rechts vorbei! “ Wie bitte, an welchem?“

Abdallah

Na denn, ich halte mich an der Kamera fest und betrachte den ersten Anstieg unseres Einstiegs ins Ensemble der „Wüstenfahrer“ mit gemischten Gefühlen aus der Distanz des Objektivs heraus.

Azurro

Sand in Sicht!

Ein eisiger Wind zerrt an meinen Kleidern und schiebt mich über die „Große Düne“, auf der wir Tags zuvor bereits erste Sandfahrerfahrungen sammeln durften. WIR ist gut… weil im Zusammenhang mit FAHREN momentan eigentlich eher Wolfgang gemeint ist, der ebenfalls nicht so ganz davon überzeugt ist, dass wir hier auch ohne Servolenkung über die Runden kommen. Ich kämpfe nach wie vor mit meinem inneren Schweinehund, der unaufhörlich bellt: “ Warum zum Henker sollen wir höchstwahrscheinlich untermotorisiert, aber auf jeden Fall überdimensioniert zu einem Trip durch „den Sand“ aufbrechen?

Erste Sandfahrerfahrungen

 

Aussteigen. bitte!

Hmm? Mit zusammengekniffenen und hinter Sonnengläsern verbarrikadierten Augen betrachte ich die im Sandsturm verschwimmende Umgebung, einige zurück gelassene Spirituosendosen,… Beinahe wie unter Wasser, denke ich gerade, als ein dünnes Stimmchen aus Richtung meiner linken Hand kräht: „Mama, wie ein Taucher!“ *Smile* „…oder zumindest wie auf dem Mond!“ antworte ich meinem zweieinhalb jährigen Sohn, bevor er lauthals juchzend die nächste Düne hinuntersurft.

Wüstennomaden

Sahara 2015

Welcome back to Africa-

-Good bye Europe. Für den Winter. SICHER durch die Nacht trägt uns der eiserne Koloss „Zeus Palace“, weg von der italienischen Küste, hin ins einst so glorreiche Karthago. SICHER! Wobei heutzutage sicher nicht mehr jeder SICHER übers Mittelmeer reist! www.Sea Watch.org

Goog Bye Europe

 

Tunis. Eine Prise Salz in der Luft, Dieselgestank, hektisches Hupen, Orangenbäume, schwer bewaffnete Uniformierte, Zitronenbäume, Souvenirshops und Künstlerateliers, Schwarzer Tee mit Minze und Pinienkernen, der Duft von frischem Gebäck, „Bonsoir Madame!“, weiß getünchte Gassen, azurblaue, kunstvoll geschmiedete Eingangspforten und Fenstervergitterungen, 19:00 Uhr: „Allahu Akbar“ -der Muezzin ruft zum Gebet.

Karthago