MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

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Der Karakorum – Highway

In Begleitung

Ab hier tauchen wir in die aktuelle Wirklichkeit Nordpakistans ein und mit jedem zurück gelegten Kilometer mehr, erscheint die Welt um uns herum ein bisschen ungebändigter, ein bisschen abenteuerlicher und anders als vermutet; was erwartet uns wohl dort oben, in ein paar tausend Atemzügen Entfernung, wo sich drei der höchsten Gebirgszüge, der Hindukusch, der Karakorum und der Himalaja im Land der Paschtunen und Hunza kraftstrotzend gegenüberstehen?

Karakorum Highway

Schon dort, wo die Hauptstadt ein jähes Ende findet, die wir gemeinsam mit Eva und Jens aus Deutschland und Michel mit Freundin Tachna aus Belgien verlassen, verändern sich nicht nur das alltägliche Leben der Menschen und das Gesicht der Landschaft erneut, sondern auch kulturelle Gepflogenheiten wechseln und erfreulicherweise das Wetter. Es kühlt ab. Die Straßen, die wir uns mit Ziegen und Schafen teilen werden schlechter und außerhalb der Städte wird der Anblick weiblicher Silhouetten immer rarer.

Pakistanisches Landleben

 Kartenstudien

Bei der Stadt Haripur gelangen wir schon nach kurzer Zeit auf den berühmt berüchtigten „Karakorum – Highway“, die Straße des „Schwarzen Gerölls“ mit dessen Bau bereits 1958 begonnen wurde und der wohl nie ganz abgeschlossen sein dürfte. Doch auf den ersten von insgesamt ca. 700 Kilometern, die uns auf eben jener Straße bis zur chinesischen Grenze noch bevorstehen, präsentiert sich die einzige Verbindung des mächtigen ex-kommunistischen Bruders an den Indischen Ozean zwar stark befahren und landschaftlich eher unspektakulär.

Der erste Fahrtag durch den Verwaltungsbezirk Khyber Pakhtoon zieht sich scheinbar endlos in die Länge. Noch wollen die Streckenposten zwar hin und wieder einen Blick in unsere Pässe werfen und stellen vereinzelt Fragen nach offiziellen Papieren, die uns dazu bemächtigen würden das Gebiet zu passieren (die wir aber nicht vorweisen können), dennoch bleiben wir von bewaffneten Mitfahrern vorerst verschont.

Sind wir hier richtig?

Nachdem wir bei Einbruch der Dunkelheit jedoch die Brücke über den Indus zwischen Shiwi und Besham überquert haben, lässt man uns nicht mehr so einfach durch. Erst nach hartnäckigen Diskussionen und einem offenkundig höheren Beamten am Mobiltelefon gewährt man unserem kleinen Konvoi in Begleitschutz und ohne notwendiges Papier die holprige Weiterfahrt im Dunkeln bis nach Besham. Dort müssen wir vor der nächsten Schranke noch ein Weilchen länger warten, bis man uns die Erlaubnis erteilt, die letzten 500 Meter bis zu einem der „sicheren“ Übernachtungsplätze vor einem der PTDC-Hotels zurück zu legen. Wir sind mittlerweile in politisch instabilen Gebieten angekommen, weshalb sich am nächsten Morgen ein Maschinengewehr schwingender Begleiter zu uns gesellt. Er allein muss uns und unsere 3 Fahrzeuge auf den folgenden 20 Kilometern durch die Bergpassage, von der die Verbindungsstrecke ins Swat-Valley, bis wohin der kurze Arm des pakistanischen Gesetztes immer noch nicht zu reichen scheint, beschützen.

Karakorum Highway

Nachdem er uns verlassen hat, besonders zur Freude von Jens, dem er seinen Gewehrlauf die ganze Zeit über unbedacht ins Gesicht hält, zeugt die Szenerie auf der anderen Seite der Scheibe eindeutig davon, dass wir nun bis ins Paschtunengebiet vorgedrungen sind. Es wird noch „wilder“, der Zustand der Straße, die Behausungen der Menschen, das Angebot an Nahrungsmitteln lassen auf die größere Armut der Region schließen. Weit und breit kann ich die kommenden Tage keine Frau mehr entdecken; nur einmal kauern an einer Bushaltestelle hinter einer provisorisch errichteten Mauer zwei vermummte Gestalten. Männer mit manchmal hennarot gefärbten Bärten und den typischen Wollmützen auf den Köpfen sitzen in Grüppchen am Straßenrand, gucken mal grimmig, mal verwundert, oder freundlich lächelnd zu uns herein.

katastrophale Straße

 Paschtunen

Nordpakistan

Im Gegensatz zum Iran, in dem das Tragen eines Kopftuchs gesetzlich festgelegt ist, fühle ich mich hier eigentlich in keinster Weise dazu genötigt ein solches zu tragen, tue es dann aber aus Respekt und zum Selbstschutz doch. Auch dieser Tag soll schließlich in einem der PTDC-Hotels mit nettem Garten und schöner Aussicht enden, hinter dessen Natursteinmauer eine Hand voll kleiner Jungen mit schwarzen, braunen, blonden, roten Haaren und manchmal blauen Augen lautstark um ein paar Stifte betteln. Ich fühle mich in diesem Land wesentlich wohler, als anfänglich befürchtet und meine Neugierde auf die Menschen, die hier leben wird immer größer.

Im Fokus

In dieser Nacht jedoch werde ich vom Geräusch ankommender Fahrzeuge und dem Gespräch über ein knackendes Satellitentelefon direkt neben dem Blech wach gehalten und ich denke schon: Mist, jetzt holen sie uns doch noch…In der Finsternis draußen kann man nichts erkennen und nach einigen unruhigen Minuten schlafe ich dann doch wieder ein.Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass wir von der örtlichen Polizei gefunden worden waren und man nicht nur Wächter über unseren Schlaf abgestellt hatte, sondern uns außerdem eine Motorrad-Eskorte bis 5 Kilometer weiter zu Verfügung gestellt wird.Von da an werden wir von einem Streckenposten zum nächsten quasi weiter gereicht, wo dann individuell entschieden wird, ob man uns Begleitschutz mitgibt, oder auch nicht.

  Begleitschutz

mit Motorrad

Ab der Grenze nach Gilgit – Baltistan sind wir dann endgültig wieder uns selbst überlassen und das fühlt sich ehrlich geschrieben auch nicht viel anders an.

Das Gebirge, in das wir vorgedrungen sind, macht seinem Namen nun alle Ehre. Die mächtigen Felsen und das Geröll, das in alle Himmelsrichtungen ragt und das manches Mal nur noch eines kleinen Schubsers zu bedürfen scheint, um uns auf der anderen Seite der Straße mit sich in die Tiefe ins eiskalte Flusswasser zu reißen, sorgt für den täglichen Adrenalinkick.

Straßenbeschilderung

 

Die Landschaft wird von Meter zu Meter faszinierender, ist einzigartig in der Härte an Kontrast und Kontur; grüne Oasen, blauer Himmel, rote, braune, schwarze Felsen, beiger Sand, weiße Gipfelspitzen – da bieten sich auch immer wieder Möglichkeiten die angestauten Anspannungen wieder davon zu jagen.

Der Karakorum

 Einsame Bergwelt

Sandsurfen

 Prachtexemplar

Im Angesicht des Schnee bedeckten Nanga Parbat treffen wir am „Tag der Arbeit“ auf einem ruhigen Wüstenplätzchen nahe der Strecke wieder auf die beiden anderen „Schwergewichte“ des geplanten Konvois durch China – den deutschen Unimog und den italienischen Fiat. Die Wiedersehensfreude rund um die Familien wird nur durch ein plötzlich an diesem Tag beginnendes Fieber bei Gaia getrübt. Mit 38 Grad hat sie verständlicherweise keine große Lust draußen mit zu buddeln, sondern zieht einen dunklen, ruhigen Raum und wenig Unterhaltung vor.

Inmitten der Gebirge

Das anhaltende Fieber ist denn eigentlich einen Tag später auch der Grund dafür, warum wir die Abgeschiedenheit des Ortes mit Mongolei-Flair noch ein wenig bevorzugen würden…jedoch holt uns die Nachricht über einen Erdrutsch, der in der voran gegangenen Nacht abgegangen sei und die Straße in unserer Richtung blockiere ein und ändert die Pläne. Außerdem schrumpft unser Quantum an Zeit zusätzlich, als uns ein anderes Konvoimitglied via Telefon über die Situation am Attabad-Lake in Kenntnis setzt. Wir müssen so schnell wie möglich weiter und die Überfahrt der großen Fahrzeuge über den im Jahre 2009 durch einen Erdrutsch entstandenen, 16 Kilometer langen Stausee organisieren. Noch immer scheint kein geregelter Fährenverkehr zu existieren.

lonely donkey

Da hilft alles nichts; so weit oben und beinahe abgeschnitten von zuverlässiger ärztlicher Versorgung, mal abgesehen vom „Polio-Mann“, der uns an jedem „Checkpoint“ eine Schluckimpfung verpassen will, bekommt Gaia einen Löffel Paracetamol. Das senkt das Fieber vorerst und regt ihren Appetit an, so dass sie die holprige Fahrt über eine alternative Piste gut übersteht.

Straßenarbeiten

Als wir nach einer Stippvisite der Verwaltungshauptstadt Gilgit schließlich den „Campingplatz“ von Karimabad erreichen, kehrt nicht nur Erleichterung darüber ein, den längsten Abschnitt der Strecke bewältigt zu haben, sondern es keimen auch alte Erinnerungen auf. Im Gästebuch, das der Besitzer stolz präsentiert kann man noch immer Wolfgangs Unterschrift von vor über 7 Jahren finden, als er hier gemeinsam mit seinem alten Reisekumpanen Wolfgang zu Besuch war. Für sie endete der damalige Ausflug über den Karakorum – Highway an dieser Stelle, für uns soll der spannende Teil erst noch beginnen.

 Good bye Pakistan

long live pakistan

Die letzten Meter

Alternative Kochmethode

 

Surreale Landschaft

 

Steppeneis

 

Offroad

 

Tibetischer Reiter

 

Himalaja-Umgeben von 8000ern

 

Ein Hauch von Nepal

Gyangze ∙ Xigaze ∙ Lhaze

Der Kumbum von Pelkhor Chörten

Eine weitere Nacht auf rund 4000 Metern wäre mit Hilfe eines gemütlich vor sich hin prasselnden Feuers gut überstanden und wir machen uns gleich nach dem Aufstehen zu Fuß in Richtung des Pelkhor Klosters in Gyangze auf. Die frische Morgenluft schmeckt nach Feuerholz, die ersten Holztüren der Steinhäuser werden gerade einen Spalt weit geöffnet, schwere Baumwollvorhänge mit den Applikationen des Endlosknotens beiseite gerückt. Einige räudige Straßenköter liegen noch faul im Licht der ersten Sonnenstrahlen um die Ecke und begrüßen den Tag mit einem großen Gähnen.

Tibetische Straßenhunde

Frauen mit nach hinten geflochtenen langen schwarzen Zöpfen, die mit Türkisen und Korallen herrlich geschmückt sind, schlendern in ihren typisch tibetischen, bunt gewebten Überschürzen vor uns die Gehsteige her und dort, wo der Bereich um die Eingangspforten bereits etwas aufgewärmt ist, sitzen Männer mit Fellmützen, oder roten Bändern im Haar und schlürfen genüsslich den ersten Yakbuttertee des Tages.

Tibeterin in Gyangze

Auf dem alten Pflaster begegnet uns ein Mehlverkäufer, der seine Ware sackweise von einem Eselskarren herunter verkauft und wir halten kurz ein, um sein festlich geschmücktes, kleines graues Pferdchen eingehender zu betrachten.

Mehlverkäufer

Vor den weit geöffneten, einladenden Toren des Klosters werden soeben die Verkaufsbuden eingeräumt, in denen der interessierte Besucher später Milchtee, Gebäck, Gebetsfahne, Räucherwerk, Mönchsgemälde und Cd`s mit meditativem Gesang erstehen kann. Nur ein Foto fehlt in dieser Szenerie…

Straße zum Pelkhor Chörten

Nach dem Drehen der Gebetstrommeln am Eingang betreten wir einen geräumigen, menschenleeren Innenhof, von wo aus schon der Gesang gedämpfter Männerstimmen aus dem Inneren eines großen, quadratischen Gebäudes direkt vor uns zu vernehmen ist. Also folgen wir den verlockenden Klängen und einer tibetischen Familie, die mit Thermoskanne und Butterleuchten als Mitbringsel bedächtig über die Schwelle schreitet.

Tibetische Gebetstrommeln

Im Hauptsaal sitzen an einer langen flachen Holztafel aufgereiht junge Mönche im Schneidersitz zu Füßen eines Bildnisses ihres Ordensführers am Boden. Sie tragen Bordeaux farbene Gewänder, die um ihre Leiber geschlungen sind und ockerfarbene Kappen, die ihre Zugehörigkeit anzeigen auf den Köpfen und der ein, oder andere schiebt sich während der Zeremonie noch schnell einen Happen Frühstücksgebäck in den Mund. Die das ganze Gebäude erfüllenden, kehligen Laute erinnern uns schwer an einzigartige Melodien aus der Mongolei, an die wir uns in Tibet schon häufiger erinnert fühlten und eine andächtige Stimmung lullt uns ein. Die Luft ist geschwängert vom Duft schweren Räucherwerks und wir begeben uns auf die Reise durch die düsteren und faszinierenden Hallen, die sich um den Hauptsaal herum verteilen.

Hauptsaal Plkhor Chörten

Reise durch das Pelkhor Kloster
Reise durch das Pelkhor Kloster
Reise durch das Pelkhor Kloster

Beim Verlassen des Gebäudes schmerzen die Augen ein wenig beim Anblick des strahlend blauen Himmels und der Vorhof ist in der Zwischenzeit um einige einheimische Besucher reicher. Noch immer ist es jedoch andächtig still, nur gemurmelte Mantras dringen einem ans Ohr, das Schleifen der Gebetstrommeln, wenn man sie in Bewegung versetzt.

Der buddhistische Glauben der Tibeter geht einher mit fortwährender Bewegung. Die Gebete (Mantras) werden hörbar immer wieder rezitiert, Gebetstrommeln müssen gedreht werden, ob mitgeführt in der Hand, oder um spezielle Orte angeordnet und durch im Wind flatternde Fahnen sollen sich Segnungen über die Luft im ganzen Universum verteilen. An zahllosen Wasserläufen im Land stehen befestigte und beschriftete, große Trommeln nie still, gleich Wasserrädern…

Pelkhor Chörten

Direkt neben dem Haupttempel erwartet uns im Anschluss die mit Buddhas Augen in die Welt blickende, goldene 571 Jahre alte Stupa, der Kumbum, der 4 Etagen umfasst, in denen 108 Kapellen untergebracht und 10 000 Wandbilder zu betrachten sind. Ein beeindruckendes Kunstwerk! Weiße Tauben umkreisen den Turm, Betende werfen sich vor einem kleinen Feuer vor dem Eingang nieder, eine Frau mit einem kleinen Kind dessen Hand starke Verbrennungen aufweist, kommt auf uns zu und klagt ihr Leid.

Der Kumbum von Gyangze

Auf eine Gruppe Menschen, die das Heiligtum verlässt, folgt ein Mönch, der ein Bündel Geldscheine zählt, um anschließend die Bettelnden zu vertreiben. Das vermittelt keinen sehr überzeugenden Eindruck, denn einem Mönch ist weder das eine, noch das andere gestattet. Aber wahre Überzeugung und innige Verbundenheit haben wir in Tibet auch nicht im Innern eines Tempels, oder bei den „Verantwortlichen“ gefunden, sondern überall anders. Angeblich soll die Eingliederung der Klöster, die Anpassung der Mönche mit der Zahlung eines nicht unerheblichen Gehalts funktionieren…

Tashi Delek

„Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Have no fear for atomic energy
Cause none of them can stop the time
How long shall they kill our prophets
While we stand aside and look
Some say it’s just a part of it
We’ve got to fulfill the book
Won’t you help to sing, this song of freedom…“(Bob Marley)

Pilgerfahrt

„Om Mani Padme Hum“

Das sind die Worte, die ein jeder tibetische Pilger, der sich zu Fuß, manchmal über hunderte Kilometer in Richtung Lhasa auf den Weg macht unermüdlich mit sich auf den Lippen führt. All diese Menschen, die die heiligen Tempel jedes Jahr am Ende jener Reise umschreiten, manchmal behände die Gebetstrommel in der rechten Hand schwingend, scheinen den harten Straßenbelag, der inzwischen deutliche Zeichen auf Stirn und Händen hinterlassen hat, den eiskalten Wind, der einem den Atem rauben kann und die schwer bewaffneten „spezial forces“, die sie in der Hauptstadt erwarten nicht zu fürchten.

„Om Mani Padme Hum“, das Mantra des Mitgefühls, summen auch wir seitdem wir es das erste Mal vernommen und es nun aus unseren Lautsprecherboxen dröhnt immer wieder monoton mit.

„Om Mani Padme Hum“ meint für Jedermann und für alles Leben im Universum Mitgefühl zu empfinden…

“Om Mani Padme Hum“ laut der tibetischen Buddhisten das oberste Gebot im Umgang miteinander und man muss wohl einen sehr starken Glauben haben, um auch seinem Aggressor jenes Mitgefühl entgegenbringen zu können. Beim Rezitieren der Worte wird einem unweigerlich bewusst, wie viel es in diesem Leben noch zu lernen gilt!

Es ist morgens gegen halb zehn, das Außenthermometer zeigt Minus Zwei Grad an, die Route führt uns soeben durch ein schattiges Tal, neben einem vereisten Fluss her und es wird voraussichtlich noch drei Tage dauern, bis wir Lhasa erreichen werden. Wolfgang stoppt den Lastwagen, steigt aus, öffnet die Tür zur hinteren Kabine, um mich auf etwas ganz Besonderes aufmerksam zu machen.
Hinter uns auf der Straße, immer paarweise werfen sich gerade einige dick vermummte Menschen darnieder und berühren anschließend mit dem Kopf den Asphalt. Dann erheben sie sich, um mit zum Himmel erhobenen Händen einen Schritt nach vorn zu tun, bevor sie sich erneut auf ihre Knie werfen, die Stirn zum Boden führen, sich erheben. Wir beobachten sie einen Moment, warten bis sie näher kommen; sie schenken uns ein kurzes Lächeln, bevor sie unbeirrt mit ihrem Ritual fort fahren. Sie tragen Wollmützen und Gesichtsmasken, die sie wohl minimal vor dem Eindringen der Kälte schützen, klobige Hölzer an den Händen und Lederschürzen um den Leib, um Verletzungen durch Aufschürfungen beim ständigen Niederwerfen zu vermindern. Leise summen sie vor sich hin. Einige aus der Gruppe tragen auf der Stirn bereits faustgroße, graue Male als Zeichen der Bürde, die sie auf sich genommen haben, um ihrem innigen Glauben Ausdruck zu verleihen. Wir fühlen uns durch diesen Anblick tief berührt. Nicht kunstvoller Prunk, kein Gebäude aus Stein, oder blumige Reden, nicht ausweisendes Gewand und goldenes Götzenbild, oder den Geistern errichtete Denkmäler haben bei uns einen solchen Eindruck hinterlassen können, wie diese „einfachen“ Menschen hier auf der Straße es tun.

Etwas Besonderes, nennen wir es den „Spirit“ ist hier inmitten der Berge, an diesem wunderbaren Ort überall um einen herum spürbar und man kommt schwer umhin eine tiefe Ehrfurcht vor dem Zauber der Schöpfung zu empfinden. Es wohnt den Menschen inne, den Felsen, Flüssen, dem klaren Himmel, den Bäumen und Tieren, selbst dem kleinsten Sandkorn, den wärmenden Sonnenstrahlen und den flatternden bunten Fahnen, die ihn in alle Welt hinaus tragen sollen.

Man hat offensichtlich vergeblich versucht die daraus entstandene Kultur zu brechen, sie in einen ideologischen Einheitsbrei zu rühren. Man wollte diese gelebten Überzeugungen brechen, sie beherrschen, manipulieren und lenken, ausmerzen…aber hat man je die Welt von hier oben aus betrachtet und ist mit so vielen Pilgern gen Lhasa gezogen, dann weiß man, dass ein solches Vorhaben unmöglich ist!
Die Menschen hier oben lehren uns etwas, das ihnen keine neu gebaute Straße, keine gut verlegte Eisenbahnschiene, kein Gefängnis, oder Gewehr, kein Militärposten, Konsumgut, kein Fotoapparat und kein Mensch auf dieser Welt bis jetzt nehmen konnte – Geduld und Hoffnung! Und wir empfinden in diesem Moment nicht nur Mitgefühl für sie, sondern ebenso eine tiefe Anerkennung.

 

Tibetische Pilger mit Versorgungswagen

 

Markam

Höhenkrank!

Nach 3 Tagen des unaufhörlichen Anstiegs der Straße sind wir auf 3850 Höhenmetern, in der Stadt Markam, im Osten Tibets angelangt. Bis hierher verlief alles relativ reibungslos. Die Landschaft war atemberaubend schön; dort, wo die Bauern entlang der Straße siedeln und Ackerbau, bzw. Viehzucht betreiben, erstrahlte das Laub der Bäume in den Farben des Herbstes, eine abrutschgefährdete, staubende Piste führte uns zum ersten Schnee seit eineinhalb Jahren und gab auf dem Scheitelpunkt von 4300 Metern überdies den Blick auf ein fantastisches Gipfelpanorama hinter flatternden Gebetsflaggen frei.

Noch immer hatten wir kein Glück mit der Suche nach Winterdiesel, weshalb zuerst der Unimog und später auch Morpheus leichte „Atemprobleme“ in der dünnen Luft bekamen. Doch zum Glück gaben die Maschinen nicht gänzlich den Geist auf, weshalb es zwar langsam und schwarz rauchend, aber kontinuierlich überschwänglich voran ging.

Bereits vor zwei Tagen, also seit dem Verlassen von Shangri-La, hatten wir mit der Einnahme von homöopathischen Präparaten zur Vorbeugung gegen die Höhenkrankheit begonnen, die man ab hier in jeder Apotheke erstehen kann. Bis auf die Feststellung von Gaia bei der Überquerung des ersten Passes: „Mir ist anstrengend!“ ging es uns körperlich (abgesehen von einem leichten Schwindel) sehr gut und an der Grenze nach Tibet, einige Kilometer hinter Degen, blieben wir zur Akklimatisierung einen Nachmittag und eine Nacht freiwillig auf 2800 Metern stehen.

Aber dann, nachdem wir die ersten Hürden so gut gemeistert hatten, holt sie uns, bzw. glücklicherweise nur mich nun doch ein. Die Höhenkrankheit! Das angeblich zuerst auftretende Symptom, die Appetitlosigkeit geht an mir vorbei, bevor die Kopfschmerzen einsetzen. Ich kann mit Sicherheit behaupten, solche zermürbenden Kopfschmerzen noch nie zuvor gehabt zu haben. Und das Beste daran ist, hier oben sollen Aspirin nicht wirken, bzw. sollte man auf Blut verdünnende Mittel verzichten…

Zum Glück erreichen wir bald nach Eintreten der ersten Anzeichen das heutige Ziel, die Stadt Markam und ich kann mich zumindest hinlegen. An Schlaf ist bei der anschließend aufkeimenden Übelkeit jedoch nicht zu denken, weshalb ich still vor mich hin leide und versuche die neugierigen Stimmen und Rufe um den Laster herum zu ignorieren.
Nachdem die Motoren zum Schweigen kommen, verabschieden sich Wolfgang, Gaia und Mathias, um auf dem Markt etwas Essbares zu finden. Das erscheint mir zuerst noch eine gute Idee zu sein, bis der Schüttelfrost einsetzt und ich mit 100%iger Sicherheit weiß, dass es mich erwischt hat. Ich rufe Wolfgang über Mathias chinesische Sim-Karte an und bettle um irgendwelche starken Medikamente und darum, sie mögen bald wieder zurück kommen. 10 Minuten später klopft es ans Fenster und Wolfgang gibt mir ein pharmazeutisches Gegenmittel…Ich schlucke die kleine weiße Pille, ohne noch einmal darüber nach zu denken und verbringe die nächste Stunde zusammengekauert auf dem Boden – die verdammte Tablette scheint nicht zu wirken und es geht mir erst etwas besser, als meine beiden Lieben wieder zurück sind und ich jemanden um mich habe, der beruhigend auf mich einredet.

Zum Glück scheinen kleine Kinder ein Gespür für wirkliches Unwohlsein zu haben, denn Gaia fordert heute einmal nicht ihre tägliche Dosis Unterhaltung, sondern zeigt Fürsorge und versucht mich zum Essen zu bewegen. Und schlimmer als die körperlichen Auswirkungen auf die ungewohnten Bedingungen, schleichen sich später die Zweifel an und die Sorge darüber, es könne ihr die nächsten Tage ebenfalls so ergehen, wie heute mir…

An diesem Abend sehen wir mit unserer Tochter ihren ersten halben Kinderfilm an und am nächsten Morgen ist der Spuk vom vergangenen Tag bei knackigen Minus 10 Grad Außentemperatur zumindest solange vergessen, bis Mathias mich auf den von Yakblut rot verfärbten, zugefrorenen Fluss gegenüber aufmerksam macht…

Markam-Gefrorenes Yakblut