MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

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Kasachstan

Diesel, Staub & die Erkenntnis

Eigentlich hätten wir`s besser wissen müssen, um uns das Kopfzerbrechen vorab zu ersparen…aber wer weiß…vielleicht wäre es Anderen zu einem anderen Zeitpunkt tatsächlich ganz anders ergangen…

Aus 1., sowie 2. Hand erreicht uns vor der Einreise ins „Land der freien Reiter“ nicht gerade Freude versprechende Kunde. Es wird von katastrophalen Straßenverhältnissen auf mehreren hundert Kilometern und anarchistischen Zuständen berichtet, die bis hin zu Straßenblockaden mit Plünderungsabsichten reichen sollen.

Verständlicherweise können einen solche „frohe Botschaften“, vor allem, wenn man aus entgegengesetzter Richtung anreist zur Kehrtwende bewegen…von unserer Warte aus gesehen und unter Anbetracht der momentanen Umstände, veranlasst uns das berichtete jedoch „bloß“ zu vermehrter Vorsicht und zum Durchtreten des Gaspedals. Wo „brennt`s“ schon nicht und wir befinden uns gerade nicht nur in bester, sondern eben auch in erfahrener Gesellschaft!

(Darüber hinaus verhält es sich mit dem Informationsgehalt von „Erfahrungsberichten“ auf Reisen ähnlich wie mit dem „Informationsaustausch“ über Internetforen – viel zu oft wird mehr Verwirrung gestiftet, als für Klarheit gesorgt!)

Sooo und nun zum Eigentlichen, unserer Geschichte:

Bereits das Aufspüren des Grenzübergangs bei Talas, westlich von Bishkek gelegen, erweist sich als nervenaufreibend und zeitaufwendig. Der Beschilderung in Richtung Taras (in Kasachstan) folgend, landen wir zuallererst über eine ziemlich verlassene und durchlöcherte Betonstraße vor dem ehemaligen und jetzt mit Stacheldraht verbarrikadierten Grenzübergang. Aus einem windschiefen, kleinen Gebäude krabbeln zwei Soldaten in Unterwäsche, die uns verpennt und schief grinsend (und höchstwahrscheinlich gegen „Geschenke“) gern zur Hand gehen würden. „Nein, danke!“ Wir entschließen uns dazu noch mehr Diesel auf`s Spiel zu setzen und nehmen die nächsten Kilometer intuitiv in Angriff. Aber auch der nächste und übernächste Versuch scheitern, was eine erneute, heftige Debatte zum Thema: „Mit oder ohne GPS reisen“ zwischen Wolfgang und mir auslöst. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass ich mich nur mit Landkarte ausgerüstet auch nur über das, was da alles „falsch“ verzeichnet ist streiten muss… “Und überhaupt sind wir bis jetzt immer gut damit gefahren, wenn wir die Leute auf der Straße nach dem richtigen Weg gefragt haben!“

Ja, aber dieses Mal muss ich zugeben…entweder will man uns bewusst in die Irre führen: „Da, da, Granitsa!“ („Ja, ja, da geht’s`zur Grenze!“ -und wir beherrschen dieses Wort, weil in allen ehemals der Sowjetunion zugehörigen  Ländern benutzt, mittlerweile aus dem FF: „Granitsa!“ Es kann also davon ausgegangen werden, dass man uns versteht). Bleiben noch das China-Syndrom, also absolute Inkommunikativität („Ja, was wollen die mir jetzt mitteilen, wenn sie ständig Grenze sagen…?“), oder die angesprochenen Brüder und Schwestern haben es nie auch nur weiter als in einem Radius von einem Kilometer um den Block geschafft und wissen wirklich nicht, wo es zur Grenze geht. Alles ist möglich und uns bleibt am Schluss, nach einem halben Tag sinnlosem hin und her Kurven und nutzloser Fragerei nur das Autostoppen!

Und siehe da, bereits im zweiten Wagen (nachdem uns die Insassen des ersten Fahrzeugs schon wieder in die falsche Richtung geschickt hätten), sitzt ein junges kirgisisches Mädel, das der deutschen Sprache mächtig ist. Sogar fließend, und helfen kann sie auch noch! Nur eskortieren darf sie dann doch nicht, da just im nächsten Moment das Militär in Form zweier Soldaten in einem winzig kleinen 4X4 Volvo zum Stehen kommt und nach gestrenger Sicht unserer Ausweispapiere ebenfalls behilflich sein will. Wir fahren zurück, zurück, zurück, bis fast zum Ausgangspunkt, wo eine fiese, uneinsichtige Einfahrt, kurz nach unserem letzten Übernachtungsplatz, gen Norden, am irgendwie hämisch grinsenden Lenin vorbei, zum Ziel führt.

Vielleicht überleg ich mir das doch nochmal mit dem Navigationsinstrument…

Höflich, einigermaßen zügig und auf die „einwandfrei englische“ rollen Morpheus Schlappen über einen Desinfektionsmisthaufen schließlich von KG nach KZ und das erste Mal werde ich ganz direkt danach gefragt, ob ich denn eine Perücke trüge…und schwanger sei…“Neeeiiin, wieso…?“

Die erste Nacht im neuen, aber nicht mehr unbekannten Land verbringen wir dank nicht endend wollender Vorstadtbezirke auf dem geräumigen und ruhigen Parkplatz einer Moschee. Neben Autobahnrasthöfen, Steppe, oder thailändischem Strandplatz immer eine gute Adresse für sicheren und stressfreien Schlaf. Der Sohn des Imam, ungefähr in unserem Alter, kommt mit seiner kleinen Tochter an der Hand vorbei und überreicht uns als Begrüßungsgeschenk eine große Schale frisch gepflückter Kirschen. Vor allem in der momentan wieder populären Diskussion darüber, inwiefern „all die Moslems da draußen sich auf negative Art und Weise von uns unterscheiden“, frage ich mich, ob einem muslimischen Kasachen, der mit einem etwas außergewöhnlichen, nicht mehr ganz sauberen „Expeditionsmobil“ auf einem deutschen Kirchenparkplatz vorfährt, Tisch und Stühle aufbaut, die Kinder derweil jubelnd durch die Szene laufen, dasselbe Schicksal erwarten würde…vielleicht…aber nur im Sommer, wenn`s Kirschen gibt…

Unser Neustart ins überwiegend muslimische Kasachstan wäre demnach geglückt und wurde für durchwegs positiv befunden!

2000 Kilometer Ungewissheit liegen jedoch noch vor Morpheus Stoßstange, bevor wir Oralsk, eine der größeren Städte an der nördlichen Grenze zu Russland, in der man problemlos das russische Transitvisum organisieren können soll, erreichen.

Doch vorerst müssen wir nach und an Taras vorbei, eine der laut Aussage unserer Begleiter, einst trostlosen und grauen Sowjetmetropolen, die sich seit der Perestroika augenscheinlich ganz schön gemausert haben. Hier gibt ´s für jede Geldbörse das passende Zubehör und auch wir werden schnell fündig: Geld wechseln, SIM-Karte für`s Mobiltelefon, frische Lebensmittel, einige Ersatzteile kaufen und sich im Cafe Istanbul nach langer Zeit eine Lahmacun gönnen. Das übliche Städteschwelgen eben.

Unüblich ist da eher, dass es in Kasachstan nach wie vor eine Registrationspflicht gibt, derer man innerhalb von fünf Tagen nachkommen muss. Vielleicht vom langen Warten auf der Behörde, oder vom üppigen Stadtessen  bekommt Wolfgang Fieber, was uns einen Tag länger als nötig an Ort und Stelle fesselt. Er muss bei über 40 Grad Außentemperatur im Laster schwitzen, während wir uns im Kinder-Vergnügungsparadies einen Frauentag mit kulturellem Hintergrund gönnen. Zusammenfassend würden wohl nicht alle Spiel- und Rummelplatzgerätschaften der Prüfung eines TÜV standhalten, aber Spaß haben wir allemal, wenn auch nicht ganz schwindelfrei!

Glücklicherweise fühlt sich Wolfgang bald besser und wir können uns auf der rasanten Fahrt quer durch den Staat davon überzeugen, dass ab hier im Vergleich zum quirligen, reichlich bevölkerten und lebendigen Südost- und Südasien wieder eine andere Lebensart beginnt.

„Ein Kreis schließt sich…“, sage ich wehmütig und Sameena antwortet: „…und ein neuer tut sich auf – immer und immer wieder!“ ☺

Die anfangs akzeptable Straße führt durch zahllose, scheinbar unbewohnte Dörfer. Im Vergleich sauber, ja nett, irgendwie charmant, aber…langweilig. Kleine 1-Familien-Häuser mit blauen Wellblechdächern, davor Mini-Gemüsebeete, rundherum Holzzäune. Über Land verlegte Gas- und Wasserrohre führen den Gehweg entlang. Hier und da lugt ein Vereinzelter um die Ecke, überholen wir ein Pferdegespann. Große, baumlose Nutzflächen geben dem Bild einen passenden Rahmen.

Aber trifft man auf Menschen, bzw. finden sie einen; bei uns sieht fast jeden Abend jemand nach dem Rechten, erfährt man so einiges über die kasachische Seele. Naturverbunden, überaus gastfreundlich, aufmerksam und interessiert, nicht übertrieben, respektvoll heißen uns die Menschen auf ihren Äckern und Weiden willkommen. Ein Schafhirte, der seine Tagesration Feta mit uns teilt und Luca einen Ritt auf seinem stolz präsentierten Hengst wagen lässt; vom Bauern gibt`s Milch, Trinkwasser und frisches Obst; ein Großgrundbesitzer gesellt sich mit Bier für die Männer, Schokolade für die Frauen und Süßgetränke für die Kinder zu uns. Wir könnten gern ein paar seiner Hektar zum Leben haben, meint er, als er zum Sonnenuntergang wieder verschwindet…so viel Aufmerksamkeit haben wir außerhalb unseres Bekanntenkreises nur unter den Moslems erfahren. Da muss ich zustimmen, scheinen sie alle gleich zu sein! Anstatt Straßenblockaden und Plünderungen also Einladungen zum Bleiben und Geschenke…

Trotz aller angenehmen Fügungen halten Asphalt und Umgebung beinahe das, was uns vorher angekündigt wurde. Es wird zunehmend holpriger die Landschaft eintöniger, die Temperaturen ab Mittag zermürbend. Wir verändern den Tagesrhythmus, um das viele Fahren vor allem für Kinder und Schwangere erträglicher zu machen. Wenn die Sonne sich früh morgens glutrot über die trockene Steppe erhebt und das Thermometer noch unter 20 Grad Celsius anzeigt, setzen sich die Fahrer hinters Steuerrad und geben Vollgas. Während sie den Diesel, der hier noch umgerechnet ca. 50 Cent kostet verheizen, hüte ich mit Gaia die Matratze und bin froh, dass die Erschütterungen durch die streckenweise Wellblechpiste in dieser Position besser zu bewältigen sind. Gaia kann bei dem Gerüttel sowieso am allerbesten schlafen und erwacht normalerweise erst zum Frühstück, drei Stunden später. So spart sie sich schon Mal einen dicken Teil des durchschnittlich 8 Stunden dauernden Fahrtages.

Eine Strecke von ca. 1000 Kilometern ab östlich des Baikalsees bis Oralsk, befindet sich derzeit im Bau. Das bedeutet, frisch gegossener, manchmal befahrbarer Teer wechselt sich mit parallel verlaufender, staubender Sandpiste ab. Hoch und runter, auf und ab, mal links steil herunter, dann wieder rechts und manchmal können wir uns dank guter Bodenfreiheit auf einen Teil ganz neuer Straße mogeln, der eigentlich gesperrt ist. Manchmal heißt das aber auch wieder umdrehen zu müssen, weil man nie weiß, ob man am Ende wieder runter kommt…

Mittags versuchen wir in der unendlichen Ödnis entlang der Hauptstrecke ein „Cafe“ zu erspähen, indem es mindestens eisgekühltes Wasser, Schatten und ein Gericht mit Weißbrot serviert gibt. Dummerweise komme ich als Vegetarierin dabei häufig etwas schlechter weg, weil es sich bei diesen Gerichten meist um Fleisch-Nudel-Suppen handelt. Macht auch nichts, dann ernähre ich mich kurzzeitig eben hauptsächlich von Tomaten, Gurken, Pasta und Weißbrot (aber für ein paar Bananen, wer weiß, wäre ich über Leichen gegangen…)

Bis hierher, also nach ca. 3 Stunden Fahrt + 2 Stunden Frühstückspause + 2 Stunden Fahrt, haben wir im Schnitt 100 Kilometer zurück gelegt. Das wiederrum bedeutet, zurück auf die Piste. Mittagsschlaf für Kinder und Schwangere und schweißtreibende Schwerstarbeit für die Fahrer!

Gegen 17 Uhr neigt sich dann, wenn schon nicht der Tag (Sonnenuntergang 23 Uhr!), so doch das Geschaukel und Staub schlucken (komischerweise finde ich im momentanen Stadium gerade den Geruch von Sand besonders interessant) dem Ende entgegen und irgendwo im Nirgendwo, abseits der Strecke flüchten sich sämtliche Passagiere bei einem Tässchen Chai (schwarzer Tee mit Gewürzen und Milch) in den monströsen Schatten der Fahrzeuge. Ja, wir brauchen viel, viel Platz um Atmen zu können und dann doch wieder ganz wenig…

Danach beginnt die Zeit der Kinder. Langsam kühlt es etwas ab und Singen, Springen, Tanzen, Fangen, Zanken, Rennen, kreatives Feuerwerk beginnen. Ich sitze auf meinem notdürftig zusammen geflickten Campingstuhl, immer noch im Schatten unseres Zuhauses und sehe zu. Ich sehe zu und bin glücklich. Glücklich darüber, dass unser Kind auf dieser langen Reise neben allem anderen erfahren durfte, was SPIELEN ist, was Freunde sind und wie die Freiheit schmeckt. Ich sehe zu und finde etwas, nach dem ich wohl gesucht hatte:

Sieh die Welt nur für einen Moment mit den Augen der Kinder. Denke nicht an gestern und denke nicht an morgen. Freue dich der Dinge, die da wachsen und sind. Bleibe niemals stehen – es gibt noch so vieles zu entdecken. Sei dankbar. Preise das Leben und achte den Verstand, indem du ihn FREI sein lässt…

„We don`t need no education, we don`t need no thoughts control…“

„Was waren wir frei – was sind wir frei!“

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Mongolei Teil 1 – Unter Nomaden!

Am 30.Juli reisen wir in die Mongolei ein.

Erwähnenswert ist, dass man als Fußgänger-, bzw. Fahrradfahrer die Grenze hier bei Aktash nicht passieren kann. Außerdem stellt sich heraus, dass wir uns in Russland hätten registrieren lassen müssen. Bis dato sind wir davon ausgegangen, diese Regelungen wären bei Individualreisen aufgehoben worden. Da wir aber nicht die Ersten zu sein scheinen, bei denen dieses Problem auftritt, gibt`s gleich einige Meter vor dem russischen Grenzposten eine Einwanderungspolizei, wo man uns entsprechende, abgestempelte Zettel in die Hand drückt und die Sache ist erledigt.

Ca. 35 Kilometer Niemandsland trennen Russland von der Mongolei. Die Spannung steigt. Was erwartet uns im am dünnsten besiedelten Land der Erde?

Werden wir finden, wonach wir gesucht haben? Was suchen wir eigentlich?

Wolfgang verwechselt die ersten Yaks, die wir in der Ferne sichten mit Hunden, weil sie genauso mit ihrem buschigen Schwanz wedeln können.

Leichte Irritation, als zwei Jungen von uns vor dem Tor zur mongolischen Grenzabfertigung Geld für die Desinfektion des Autos verlangen. Ferienarbeit, oder was? A propos, die Jungs und Mädels hier haben ganze drei Monate Sommerferien!

Wo sind denn jetzt die Jurten?

Zu Beginn macht die Piste noch einen recht passablen Eindruck.

Der moderne Nomade fährt Motorrad.

Noch am selben Abend machen sich vier Laster auf den Weg nach Bayan Ölgiy, der Hauptstadt des mongolischen Altai. Diese Strecke lässt bereits erahnen, auf was wir uns die nächsten Wochen einstellen können: wackelige Sandpisten und keine Orientierungshilfen, außer dem Stand der Sonne, aber um uns herum entblättert sich eine einzigartige Natur. Es wuselt nur so vor Murmeltieren, Zieseln und sonstigen Nagern und Insekten.

„Warme Ware“. Rohmaterial für die gefilzten Jurtenwände.

Wir haben einen strengen Zeitplan, da das Einzige, was wir sicher über die Mongolei wissen ist, dass wir 1700 Kilometer unbefestigte Straße vor uns liegen haben. Sollte es die kommenden Tage zu Schlechtwettereinbrüchen kommen, müssten wir uns durch Schlammpassagen kämpfen. Wir haben keine Ahnung, ob über jeden Fluss, der auf unserer Strecke liegt Brücken führen, oder wie man ansonsten durchs Wasser kommt, noch zumal mit der schweren Kiste.

Spätestens in drei Wochen müssen wir in der Hauptstadt sein, um die chinesischen Visa zu beantragen und eine Woche später an der russischen Grenze stehen, damit wir das Land rechtzeitig vor Ablauf des mongolischen Visum verlassen können.

Am 01.August treten wir gemeinsam mit Mathias und Steffi den Weg Richtung Chowd an.

Unterwegs machen wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit nomadischen Bräuchen.Traditionellerweise wird ohne Anzuklopfen die Türe geöffnet und kurz „Hallo“ gesagt.Der Zettel allerdings, den der sich neugierig umschauende Hirte Wolfgang unter die Nase hält und auf dem in Englisch steht: Guten Tag, ich interessiere mich für ihr Auto; was soll es kosten?, ist dann wohl eher untypisch. Von da an verschließen wir unsere Türe, wenn wir Lust auf Privatsphäre haben.Die Landschaft wirkt genauso, wie man sie sich vom Hörensagenlesen vorstellt und doch bleiben die Eindrücke unbeschreiblich. Man muss hier gewesen sein und die unendlichen Weiten mit dem eigenen Auge versucht haben zu fassen. Auf durchschnittlichen 1580 Höhenmetern scheint der Himmel zum Greifen nah; und wirklich, nur Nachts ist er noch unvergleichlich schöner! Wenn jedermann wüsste, was ihn der Fortschritt unserer Zeit kostet….

Außerhalb der kleinen Ortschaften findet man keine konventionellen Gebäude vor. Die Menschen leben nach wie vor in ihren Jurten. Zugegeben, auch hier zieht das Hightechzeitalter nicht ohne Spuren zu hinterlassen vorüber. Viele Nomaden haben Photovoltaikplatte, oder Windrad, Satellitenschüssel, Handy und Motorrad und entlang der Hauptroute ziert mancherlei Unrat die „unberührte“ Natur. Kein Vergleich jedoch zu bisher Gesehenem, oder gar europäischen Standards. Selbst wir können uns ein solches Leben dann doch nicht mehr vorstellen.

Sollen wir`s wagen, oder nicht? Mathias fährt derweil schon Mal zu

Chowd – und dann überschlagen sich die Ereignisse. Gaia bekommt hohes Fieber und ist übersät mit kleinen roten Punkten. Was nun? Als ihre Temperatur kritisch wird und sie nur noch apathisch in meinen Armen liegt, bleibt uns nichts anderes übrig, als ins nächste Krankenhaus zu fahren. Die Ärzte dort tun uns zwar den Gefallen und untersuchen sie im Lkw, ihre Diagnose bleibt uns aufgrund der Sprache trotzdem unverständlich. Mit Hilfe eines Englischlehrers, den Wolfgang zufällig auf der Straße anspricht und der Ferndiagnose von seinem Hausarzt stellt sich schließlich heraus, dass sie Scharlach hat. Die Verfahrensweise der Ärzte und Schwestern lässt uns beinahe verzweifeln und auch das Krankenhaus selbst macht nicht gerade einen Vertrauens erweckenden Eindruck. Nach zwei Tagen ohne wirkliche Besserung flippen wir dann aus und Wolfgang macht sich solange lautstark bemerkbar, bis er jemand Kompetentes auf sich aufmerksam macht. Gaia bekommt endlich die richtige Behandlung und vor allem Ruhe für die kommenden zwei Wochen! Nicht nur einmal wünschen wir uns in dieser Zeit nach Hause, wo „alles so viel einfacher ist“. Der Kinderarzt ist gleich um die Ecke und spricht Deutsch, die medizinische Versorgung ist gewährleistet, man kann sich über diverse Medikamente informieren und was wohl am wichtigsten ist, im Schoß der Familie findet man emotionale Unterstützung. Zum Glück bleibt Frank bei uns und unterstützt uns wo es geht.

Nach zwei Tagen bessert sich Gaias Zustand schon merklich und wir begeben uns ganz langsam zuerst raus aus der Stadt und schließlich weiter Richtung Osten.

Dianas 30. Geburtstag fällt entsprechend ruhig und in trauter Dreisamkeit aus.

Ob wir unseren Zeitplan einhalten können, oder nicht erscheint uns momentan nicht mehr so wichtig. Hauptsache ist, dass die Kleine wieder auf die Füße kommt, in Zukunft mehr Rückzugsmöglichkeiten hat und es zu keinen weiteren Strapazen aufgrund einer Autopanne kommt. Die Streckenverhältnisse sind schlechter als vermutet. Ich liege mit Gaia die meiste Zeit hinten im Lkw, bei zugezogenen Fenstern und mit nassen Tüchern vor jedem Spalt, um dem eindringenden Staub entgegenzuwirken. Es fühlt sich an, wie auf einem Schiff bei stürmischem Seegang. Wolfgang kämpft nicht nur mit der Orientierung (ohne GPS), sondern auch mit tiefen Fahr- und Regenfurchen im schwer einzuschätzenden Untergrund. Durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt 35 Stundenkilometer.

Wüstenschiffe

Manchmal gibt es so viele verschiedene Pisten, dass man nach dem Zufallsprinzip entscheiden muss, welche man nimmt. Nun wissen wir auch was die Franzosen in Russland gemeint haben, als sie sagten: „Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, folgt einfach den Strommasten…“ Und was tun, wenn es gar keine gibt?

Ihre Ehrfurcht vor den Natur- und Wegegeistern bringen die Mongolen in so genannten „Owoo`s“ zum Ausdruck. Steinsetzungen, die mit seidenen, meist blauen Tüchern geschmückt sind. Süßigkeiten, Bargeld, Wodkaflaschen und interessanterweise Holzkrücken, die man als Einziges auch bei Bedarf mitnehmen darf, dienen als Opfergaben.

Balta, „die Axt“, Franks Reisebegleiter auf Zeit. Von ihm erfahren wir viel Wissenswertes über das Leben der zum Großteil kasachischstämmigen Mongolen im Altai.

In den kleinen Städtchen unterwegs bekommt man das „Nötigste“. Kartoffeln, Brot, Zwiebeln, Gurken, Karotten und sogar Schokolade werden in kleinen „Tante Emma Läden“ angeboten. (Nervennahrung für den Fahrer, damit die Konzentration auf den „Höllenpisten“ nicht ausgeht.) Es bleibt uns ganz und gar unverständlich weshalb nachts meist so viel Betrieb auf der Strecke herrscht, die tagsüber schon so schwierig zu bewältigen ist. Balta meint nur, da wäre es kühler und es gebe keine Mücken.

Ja, das ist die Hauptstraße!

Erstaunlicherweise übersteht Morpheus trotz seines Gewichts und Alters die Rüttelpiste sehr gut. Auch die Reifen mit Straßenprofil haben sich bewährt.

Natürlich bedarf es unter solchen extremen Belastungen einer täglichen Inspektion des Unterbodens und regelmäßigem Abschmieren. Fast schade, dass wir die neuen Schneeketten wieder nicht ausprobieren können…

Frank mit Phoibos imEinsatz

Die riesigen, zumeist eine Tierart umfassenden Viehherden sind ein Überbleibsel aus den 50er und 60er Jahren, als die Viehhalter in staatlichen Genossenschaften zusammengeschlossen wurden.

Streichelzoo direkt vor der Haustür.

Ihr Trinkwasser füllen sich die Stadtbewohner im „house of water“ ab.

Für wenig Geld können wir unsere Tanks wieder auffüllen.

Zum Glück galoppiert das zottelige Steppenpferdchen nicht gleich los, sonst könnten wir uns wohl kaum auf dem kleinen Holzsattel halten. Aber wer schon einmal in diesem Land gewesen ist und nicht Lust bekommt auf dem Rücken eines Pferdes zumindest zu sitzen, bei all den vorüber ziehenden, edlen Geschöpfen, der muss wohl….eine Allergie haben.

Am 22.August erreichen wir trotz sämtlicher Widerstände pünktlich Ulan Bataar – die Hauptstadt. Mehr als ein Drittel der Mongolen lebt hier und es ist wie überall anders auf der Welt. Ulan Baaar wirkt völlig anders, als der Rest des Landes. Modern, voller hupender Autos, Bauwerke und Schönheitssalons, laut, schnell und irgendwie … entspannend. Man kann mal wieder untertauchen in den Strömen von Ausländern, mal wieder europäisch essen gehen, mal wieder die Wäsche waschen lassen.

Das Parlamentsgebäude auf dem Suchbaatarplatz

Nachdem die chinesischen Visa unter Dach und Fach sind, schlagen wir am 25. August den Weg Richtung Norden, zum Baikalsee ein.

Parkplatz vor dem Saloon

Besuch vom Nachbarn, der einen Bottich Joghurt und Salzgebäck als Gastgeschenk dabei hat.

Drei Tage später, am 28.08. stehen wir ausreisebereit an der Grenze in Kyachta.

Die Wüste Gobi

Die kommenden ca. 230 Kilometer lassen wir aufgrund der guten Straßenverhältnisse schnell hinter uns. Es wird zunehmend kälter und ich frage mich wann denn jetzt endlich die Wüste beginnt. Als es dann schließlich auch noch zu schneien beginnt, bin ich leicht überfordert, weil „Gobi“ und Schneefall nicht ganz meiner Vorstellung entspricht. Machen sich so etwa die Auswirkungen des Klimawandels bemerkbar? Doch bereits als wir gegen Abend einen Übernachtungsplatz auserkoren haben, können wir die dicken Jacken wieder weglegen. Die Stimmung wird nur dadurch gedämpft, dass Matthias in dieser Nacht von einem Angetrunkenen in einem Pkw seitlich gerammt wird. Zum Glück kommt niemand gesundheitlich zu Schaden; am nächsten Morgen müssen die Männer also erst ein paar Schönheitskorrekturen an „baby 3“ vornehmen, bevor`s weitergeht. An Werkzeug fehlt es eigentlich nie – mit dem Equipment der momentanen Gruppe könnten wir wohl eine Werkstatt auf 12 Rädern eröffnen.

Fotografierunterricht

Jeder hat beim Schrauben so seine Aufgabe

Bei Sainshand verlassen wir die Hauptroute und schlagen den Weg in westliche Richtung zum Kloster „Khamryn Khiid“ ein. Fortan legen wir die Navigation voll und ganz in die Hände von Thomas und Sabine, und die folgen den Anweisungen ihres GPS. Die Piste wird zunehmend schlechter und die Landschaft immer eindrucksvoller. Zwar erscheint mir die Wüste nach wie vor grüner als gedacht, es wachsen Lauch, Kräuter, Kakteen und kleine Sträucher voller Blüten, die halbverweesten Kadaver und Skelette am Wegesrand jedoch sind Zeugen des Überlebenskampfes inmitten dieses riesigen Sandmeeres.

eine Sukkulele, ein Wasserspeicher der Wüste

Wer einmal Piste gefahren ist, wird süchtig!

Bevor wir am 23.9. unser Ziel erreichen, winkt auch schon die erste Panne des Tages. Eine von Matthias vorderen Spiralfedern bricht im unteren Bereich. Nachdem Begutachten kann es aber gleich weiter gehen, weil sich durch Stelle des Bruchs eine Reparatur vorerst erübrigt.`

Pünktlich zum Mittagessen erreichen wir eine kleine beschauliche Klosteranlage, die laut Auskunft eines indischen Straßenbauers, eine der „wenigen“ Attraktionen des Landes sein soll. Zum gesamten Komplex gehören noch weitere Pilgerstätten. Gleich bei Ankunft erwarten uns zwei mächtige, über und über mit Milch und Reiskörnern besprenkelte, symbolische „Brüste“. Die dreimalige Umrundung ist den Frauen vorbehalten und soll entsprechende Wirkung zeigen. Etwas peinlich für Thomas, der unter den zweifelnden Blicken einiger Mongolen seine Runden dreht und wie alle anderen auch die jeweiligen „Opfergaben“ darbringt. Erst im Nachhinein erfahren wir nämlich den tieferen Sinn des leicht säuerlich riechenden Objekts.

In einer Linie angeordnet wurden zahlreiche schneeweiße Stupas in die rostrote Landschaft gestellt, die das Kloster und den Glockenturm miteinander verbinden.

Noch ehe wir den Weg dorthin bewältigt haben, und gerade als ich zu Wolfgang sage, „Der Matthias immer mit seiner Kiste….“, krachts und es gibt kein Vorwärtskommen mehr. Der zweite Federbruch des Tages.

Ja, jetzt fordern 3000 Kilometer Holperpiste ihren Tribut! Fast muss man sich wundern, dass das 40 jährige Material die Strapazen der letzten Wochen so gut überstanden hatte. Den ganzen Nachmittag brauchen Wolfgang, Thomas und Matthias für den Ausbau des linken hinteren Federpackets. Die oberste Feder war im vorderen Bereich gebrochen, wodurch sich die komplette Achse nach hinten verschoben hatte, bis der Reifen schließlich an der Staubox zum stoppen kam. Eine Fahr- geschwindigkeit von 20 km/h verhinderte Schlimmeres. Glüchlicherweise wird beim Klosterkomplex gerade ein neues Gebäude gebaut und man hat einen Schweißapparat vor Ort. Die Arbeiter, die ihre kleinen Jurten direkt an ihrem Arbeitsplatz aufgestellt haben, zeigen sich sehr hilfsbereit. Noch in derselben Nacht zerlegen sie mit Wolfgang zuerst das Packet und schweißen dann die kaputte Augennaht. Am nächsten Morgen kann die Blattfeder (zur sicherheit um 180 Grad gedreht) wieder eingesetzt werden.

Ab und an fährt ein Einheimischer vorbei und lässt es sich nicht nehmen mit anzupacken. Eigentlich fährt kein Auto vorbei, ohne Anzuhalten und nach dem Rechten zu fragen!

Nach dem gemeinsamen Mittagessen bei Sabine, die uns freundlicherweise derweil bei sich aufgenommen hat (Morpheus steht in unheimlicher Schräglage) können wir die Reise fortsetzten. Ein angeblicher „Energieplatz“, der von Stupas umrahmt ist und der von einem „Owoo“ gekrönt wird, kommt uns gar nicht so energiegeladen vor. Uns.

Ein sympatischer, kleiner Mönch mit Schnapsfahne stimmt gerade gemeinsam mit einer Reisegruppe eine mongolische Weise an und gegen ein paar Tugrik extra kann man sich persönlich segnen lassen.

Die Felsenhöhlen in nicht allzu weiter Entfernung lassen einem da schon eher einen Schauer über den Rücken laufen. Einst ließen sich betende Mönche hier einmauern, um die Erleuchtung zu finden. Auf der Spitze dieses Berges haben Gaia, Matthias und Wolfgang denn dann auch eine „magische“ Begegnung. Eine Schlange wagt sich aus ihrer Behausung und gönnt sich für einen kurzen Moment ein Bad im Sonnenschein. Wie gut dass ich gerade die Aussicht genieße und nichts davon mitbekomme.

Bei den Fahrzeugen erwartet uns ein nettes, interessiertes Paar aus U.B., dass den mittlerweile ebenfalls eingetroffenen Mönch von vorher, nach einer Haus- besichtigung darum bittet uns für die Reise zu segnen. Wenn das kein positives Zeichen ist…