MORPHEUSREISEN

auf der straße des lebens

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Auf dem Weg nach Haridwar

Mit den Ellbogen gefahren

Dummerweise entscheiden wir uns nach einem Tag plus in Delhi, um noch etwas mehr Zeit mit unserer Freundin Magda verbringen zu können, ausgerechnet am Wochenende (noch dazu feiertags) dazu gemeinsam mit ein paar Tausend anderer Naturhungriger in die Berge, nach Haridwar und Rishikesh zu fahren.

Nach 10 Uhr Vormittags (wir waren bereits frühzeitig gegen 6 Uhr aufgebrochen, um der morgendlichen Rushhour zu entgehen) beginnt das große Rennen der Besserverdiener um einen „Platz am Busen von Ganga“ und wir kommen zwangsläufig in den zweifelhaften Genuss die Bekanntschaft mit dem „Ellbogen-Fahrverhalten“ der Großstädter machen zu dürfen. What a mess!

Sobald der Verkehr auf einer der Größe nach mit einer deutschen Landstraße zu vergleichenden Strecke auch nur ein wenig ins Stocken gerät, verschwindet die gegenüberliegende Fahrbahn im Nirgendwo, weil sich aggressiv hupende Kleinwagenlenker links und rechts von uns versuchen auch noch durch die allerkleinsten Nischen zu zwängen. Am Ende langt der Platz für 5 Spuren extra in unsere Richtung, von Restaurant auf der einen bis zur Autowerkstatt auf der anderen Seite.

Dieses rücksichts- und hirnlose Verhalten führt bei 38, 5 Grad Celsius im Schatten und 45 Grad im Auto sehr bald dazu, dass gar nichts mehr geht – weder vor- noch rückwärts und wir beobachten nun zugegeben nicht ohne zu schmunzeln, wie es in dieser „Straßen-Soap“ zu den ersten Rangeleien wegen Fahrzeugschrammen kommt. Fast besser als Kino, säße man nicht selbst Schweiß triefend mittendrin!

Doch kaum zu glauben, aber wahr nach nur eineinhalb Stunde beginnen Zivilbeamte und Militaristen damit bewaffnet mit Maschinenpistole, oder Holzknüppel vorerst eine Spur zu räumen und zwei Schwertransporter auf der Gegenseite durchs Chaos zu schleusen. In der Zwischenzeit hatte sich ein drahtig Uniformierter erdreistet auch bei uns mit dem Holzknüppel ans Blech zu hämmern, was mich dazu veranlasst den nächsten, der sachte anklopft und uns bittet zu den anderen Lastkraftwagen ganz nach links abzudrehen, anzubrüllen, wir kämen aus einem Land, in dem man es verstünde zivilisiert am Verkehrsgeschehen teilzunehmen und würden hier gerade dafür sorgen, dass keiner mehr an uns vorbei komme…Immer diese Aufregung – eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen mich etwas zurückzunehmen…darüber hinaus ist unmittelbar vor uns jetzt auch Land in Sicht.  Etwas schneller als erwartet, reihen sich die vermeintlichen Könige der Landstraße gleich leicht lädierter Perlen auf einer Kette, gesittet Süd-, bzw. Nordwärts ein.

Sehr gut. Das meint unsere geplante, abendliche Puja im Ganges zu Haridwar wäre gerettet. 

Ganges

 

Ein starker Strom

 

Haridwar

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Indien anno 2012

Ausnahmezustand!

Im aufgewirbelten Staub der Strasse verschwindet die unauffällige, schmuddelige Grenze rasch im Rückspiegel und die Welt um uns herum verändert sich auf ein Neues.
Es wird zunehmend erdrückend heißer, die Luft ist durchsetzt von Schmutzpartikeln, eine Herausforderung für jede gesunde Lunge. Der löchrige Teer unter unseren 4 Rädern bevölkert von Hundertschaften Männern, Frauen, Kindern, Kühen, räudigen Kötern, jeglicher Art von Fortbewegungsmittel, Müll in allen vorstellbaren Variationen. Nun hat uns das Schicksal also doch noch bis hierher geführt…Willkommen im Indien des Jahres 2012.

Caos India

Beim Anblick des Geschehens vorderhalb der Windschutzscheibe bewegt sich mein Gefühlszustand auf einer Skala zwischen Abscheu und Faszination, doch bereits beim nächsten markerschütternden Gehupe eines uns auf derselben Fahrbahn entgegenkommenden „Tatas“ (Lastkraftwagen indischen Fabrikats) siegt die sich empörende Autofahrerseele gegen das ohnmächtige „Kind“ in mir und es geht besser.

Tata

Wir wagen es kaum zu hoffen, aber irgendwann reißt das anfängliche Stadtgetümmel ab und ein gar nicht so unvertrautes Landschaftsidyll entblättert sich vor unseren Augen. Einfache Dörfer und Felder so weit man schauen kann. Frauen in bunt leuchtenden Gewändern mit klirrenden Armreifen um die Handgelenke hocken inmitten der Felder und ernten goldgelben Weizen mit kleinen Handsicheln. Dazwischen Senfpflanzen und Brachland, fast kein Baum weit und breit nimmt einem die Sicht. Nur hin und wieder lenken hohe, rauchende Schlöte von Hochöfen, in denen Lehmziegel gebrannt werden von der flachen Ebene ab.

Ziegelbrennerei

Die Dörfer, durch deren Häuser die Straße hier direkt zu führen scheint, wecken Erinnerungen an Südostasien. Die Menschen leben in kleinen Lehmhäusern mit Strohdächern, Schweine, Wasserbüffel, Kühe, Hausrat drum herum verteilt, antike Trinkwasserpumpen und davor ein allgegenwärtiges, düsteres Rinnsal, das die Fäkalien von Mensch und Tier…verteilt.
In Holzbaracken dazwischen locken glitzernde Etiketten auf Spirituosen und Süßwerk Konsumwillige an. Die Welt vieler wild aussehender Kinder am Straßenrand ist klein. Auf ein paar Metern zwischen Asphalt und Eingangstüren spielen sie mit allem, was ihnen täglich zufällt. Plastiktüten, Stöckchen, alte Reifen,…und hinter jeder weiteren Kreuzung, jeder weiteren Straßenecke erwarten einen wieder andere, ungeahnte, faszinierende Ansichten.

Kuh Futter

Dort, wo die übergewichtigen Lkws halten wird von Früh bis Spät in großen dampfenden Kochtöpfen nach Wolfgangs Meinung das beste „Thali“ (Vegetarische Mahlzeit, meist Reis, Linsen, Gemüse, Brot, Joghurt) angeboten.
Heute fühle ich mich noch nicht bereit in einem der mit Staub überzogenen Freiluft-Essstuben einzukehren, aber wer weiß, vielleicht ja morgen.

Ganga